Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e.V.

<p>Drucker Detlef Jäger beim Auftragen der Farbe auf eine Radierplatte</p>
<p>Drucker Detlef Jäger beim Auftragen der Farbe auf eine Radierplatte</p>
<p>Drucker Detlef Jäger beim Auftragen der Farbe auf eine Radierplatte</p>

Drucker Detlef Jäger beim Auftragen der Farbe auf eine Radierplatte

<p>Jenny Holzer Edition entsteht</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht</p>

Jenny Holzer Edition entsteht

<p>Stefan Marx in der Werkstatt Felix Bauer, Köln</p>
<p>Stefan Marx in der Werkstatt Felix Bauer, Köln</p>
<p>Stefan Marx in der Werkstatt Felix Bauer, Köln</p>

Stefan Marx in der Werkstatt Felix Bauer, Köln

<p>David Tremlett signiert in der Seilerstraße</p>
<p>David Tremlett signiert in der Seilerstraße</p>
<p>David Tremlett signiert in der Seilerstraße</p>

David Tremlett signiert in der Seilerstraße

<p>Im Atelier von Anja Tchepets</p>
<p>Im Atelier von Anja Tchepets</p>
<p>Im Atelier von Anja Tchepets</p>

Im Atelier von Anja Tchepets

Dasha Shishkin

347 A1
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347 A6
347 A7, Künstlerbuch

A-Reihe / 347. Wahl III. Quartal 2012
Radierungen und Künstlerbuch

1. Kids against hell 59,5 x 39 cm
2. Right is with the strong 39 x 59,5 cm
3. Where there is equality, there is no profit 39 x 59,5 cm
4. Crisis as opportunity 39 x 59,5 cm
5. Doomed to love you 39 x 59,5 cm
6. You‘ve got good meat on your head 39 x 59,5 cm
7. Künstlerbuch

Papierqualität: 300 g/qm Hahnemühle Bütten
Drucker: Kunst- und Radierwerkstatt W. Jesse, Inh. M Jäger, Berlin
Buchdruck: Benatzky Münstermann, Hannover

»Es ist, als würde man in dem Flugzeug fliegen, das man gerade zeichnet«

von Stephanie Bunk

Dasha Shishkin ist Zeichnerin, wobei es für sie kaum einen Unterschied macht, auf welchem Grund sie arbeitet. Sie setzt die Radierung als künstlerisches Medium völlig gleichberechtigt neben der Zeichnung und der Malerei ein, ihr kommt es auf das Bild an und weniger auf die Technik. Egal ob auf Papier oder auf der Radierplatte – die Linie diktiert das Bild. Das gilt auch für ihre Malerei, wo sie die Farbe als einen Zusatz betrachtet, der erst im zweiten Schritt hinzukommt. Wie in einem Malbuch füllt sie die durch die Linie definierten Flächen und Figuren mit Farbe aus. Durch diese Vorgehensweise entstand auch die Idee zu ihrem ersten Künstlerbuch, das wir Ihnen in der Wahlreihe zusätzlich zu den Wahlblättern anbieten. Radierungen und Zeichnungen der Künstlerin werden in diesem Buch teilweise als Ausschnitt präsentiert und wie in einem Malbuch auf die schwarzen Umrisslinien reduziert. Das Künstlerbuch kann zwar als Aufforderung verstanden werden, selbst zur Farbe zu greifen. Es zeigt jedoch vor allem sehr beeindruckend, wie gut Dasha Shishkin es versteht, allein durch die Linie verschiedene Texturen und Oberflächen zu schaffen. Selbst Haut oder Stoff macht sie ausschließlich durch den Umriss sichtbar, auf Schraffuren verzichtet sie ganz. Ihre Bilder haben den Charakter von Wimmelbildern, in denen alle Handlungen parallel ablaufen. Es gibt keinen Hinter- oder Vordergrund, kein Zentrum und auch keinen Erzählstrang, sondern vielmehr ein endloses Neben- und Miteinander komischer Kreaturen. Ausgerüstet mit der für die Kaltnadelradierung vorbereiteten Platte und ihrer Radiernadel zeichnet die Künstlerin direkt auf dem Metall, ohne vorausgehende Skizze oder konkrete Bildidee. Die Radierplatte ist ihr Partner, denn sie nimmt kleinste Oberflächenstrukturen als Vorschlag, in welche Richtung sich das Bild entwickeln kann. »Man zeichnet schneller als man denken kann«, beschreibt die Künstlerin die Arbeit auf der Kupferplatte, denn die Radiernadel bewegt sich auf dem Metall sehr leicht, fast widerstandslos und ohne jede Anstrengung. Durch diese Leichtigkeit arbeitet sie völlig unzensiert und manches Tabuisierte und Verbotene bahnt sich seinen Weg in die Radierung. Für den Moment des Zeichnens lebt Dasha Shishkin förmlich in ihren Bildern und wird zu der jeweiligen Person, die durch ihre Nadel entsteht. »Es ist, als würde man in dem Flugzeug fliegen, das man gerade zeichnet«, sagt sie. Dabei lassen sich einige wiederkehrende Figuren ausmachen, die sich durch ihr gesamtes Werk ziehen. Dasha Shishkin nennt sie ihre »Schauspieltruppe«, die sie – wie eine Regisseurin – besonders gerne »besetzt«.

Auch die sechs Radierungen, die Dasha Shishkin in New York und Berlin für die griffelkunst realisiert hat, entwickeln sich aus der Linie heraus. Die verschiedenen Szenerien quellen über von überwiegend weiblichen Kreaturen mit Nasen und Schwänzen, die im Verlauf der Sechserserie immer länger werden. Dadurch, dass sie die Motive randlos, ohne Plattenton und in leuchtendem Blau drucken ließ, tritt die Linie deutlich in den Vordergrund als wäre sie mit Tinte frisch auf das Papier gezeichnet. Die Idee, die blauen Linien besonders dick und leicht auslaufend zu drucken, hat sie im Dialog mit dem Drucker Detlef Jäger entwickelt – und das obwohl beide keine gemeinsame Sprache sprechen. Um die Linie flächiger zu machen, lässt der Drucker die Radierplatte bis zu dreimal durch die Druckerpresse laufen, bis der erwünschte Effekt erzielt wurde.

E 436 you are a big girl now, 2007

E 436

E 436 you are a big girl now, 2007
Farbradierung von zwei Platten
65,0 x 90,0 cm

Papierqualität: 340 g/qm Zerkall Bütten
Drucker: Kunst- und Radierwerkstatt W. Jesse, Inh. D. u. M. Jäger, Berlin

Dasha Shishkins ideenreichen, phantasievollen Farbradierungen, die sie im Herbst 2005 für die griffelkunst realisiert hat, haben unsere Mitglieder regelrecht begeistert. Dabei sind ihre Zeichnungen gar nicht so harmlos, wie sie zunächst wirken, wie Petra Roettig in unserem Mitteilungsheft schrieb: „An Brueghels ‚Wimmelbilder’ erinnernd, entwickelt sich in Shishkins Radierungen ein Panorama gesellschaftlicher Beziehungen, in dem Ängste, Bedrohungen, Aggressionen und Repressalien und zugleich Isolation und Einsamkeit vorherrschen. Träume werden zu Alpträumen und Banales mutiert zu Unaussprechlichem. Ihre Bilder zeigen eine Welt voller Unbehagen, in denen das Pendel stets zwischen idyllischem Elysium und bitterböser Realität ausschlägt“. Doch auch wenn Shishkins Motive keineswegs harmlos sind, so begegnet die Künstlerin den Untiefen der Existenz mit viel Humor und Ironie, so dass die Bedeutung ihrer Blätter in der Schwebe bleibt.

In dem Einzelblatt der Künstlerin erkennt man Gestalten aus der vorhergehenden Radierung Fucking Children wieder. Wie in der früheren Arbeit tummeln sich nackte Frauen, die sich ihren Beschäftigungen hingeben. „Musen“ nennt Dasha Shishkin ihre Figuren, die über das gesamte Blatt verteilt in Szenerien verwickelt sind, die keinen Anfang und kein Ende nehmen. Das erzählerische Moment wird durch das Fehlen einer verbindenden Handlung unterlaufen, was auch durch die Wahl der besonders kontrastarmen Farbkombination verstärkt wird. Die Künstlerin hat einen kräftigen Pinkton als Fond ausgewählt, auf den sie mit roter Farbe ihre Figuren gesetzt hat. Der Betrachter muss sehr genau hinsehen und sich auf eine einzelne Szene konzentrieren, wenn er nicht nur die leuchtende Fläche wahrnehmen möchte. Shishkin nennt die Farbigkeit der Radierung selbst „klaustrophobisch“, doch ob das dargestellte Interieur als ausufernd oder einschließend erlebt wird, bleibt dem Betrachter überlassen. Dazwischen wuchern wunderbare Gewächse, die in ihrer Bewegtheit an Wasserpflanzen erinnern. In der aktuellen Radierung kann man wieder Shishkins Virtuosität in der Linienführung bewundern. Ihre Zeichnungen entstehen nach der Ideenfindung direkt und unmittelbar, kleinere „Verzeichnungen“ arbeiten sie ein, so dass Schwächen zu Stärken werden. „Ich erlaube es meiner Linie zu existieren und zu sprechen, auch wenn sie von meiner anfänglichen Intention abweicht“, wie die Künstlerin sagt. Gerade in der Radierung bleiben Änderungen als Schatten sichtbar, was auf ihre Thematik übertragen zu einer spannenden Mehrdeutigkeit führt. Ihre Figuren könnten der Märchenwelt der Gebrüder Grimm oder den Romanen von Dickens entsprungen sein.

Während Dasha Shishkin 2005 noch ein Geheimtipp war, wurden die Arbeiten der erst dreißigjährigen Künstlerin inzwischen im Museum of Modern Art und im P. S. 1 in New York, wo die Künstlerin auch lebt, gezeigt. Wer ihre wunderbare Wandarbeit in der Galerie der Gegenwart in Hamburg im Rahmen der Geschichtenerzähler-Ausstellung nicht gesehen hat, bekommt dazu im Oktober noch einmal Gelegenheit.

B-REIHE, 319. WAHL, III. QUARTAL 2005
Farbradierungen, 2005

1. The sausage princess dies and what it means for the folks (von zwei Platten gedruckt) 41,0 x 61,0 cm
2. Fucking Children (von zwei Platten gedruckt) 41,0 x 61,0 cm
3. Where is Bull’s Mama? (zweifarbig, von zwei Platten gedruckt) 41,0 x 61,0 cm
4. Egual Opportunity (von einer Platte gedruckt, mit zwei Farben eingesetzt) 41,0 x 61,0 cm
5. Katie in Love (einfarbig) 61,0 x 41,0 cm
6. Please be sorry when I am dead (von einer Platte gedruckt, mit drei Farben eingesetzt) 41,0 x 61,0 cm

Papierqualität: Hahnemühle Bütten 270 g/qm
Drucker: Kunst- und Radierwerkstatt Willi Jesse, Inh. Detlef Jäger, Berlin

Zunächst sieht alles ganz harmlos aus: In „The sausage princes dies and what it means for the folks“, einer der sechs Radierungen, die Dasha Shishkin für die griffelkunst schuf, spielt sich vor den Augen des Betrachters eine burleske Beerdigungsszene ab. Während im Hintergrund ein Knabenchor mit weit aufgerissenen Mündern das Requiem anstimmt, folgen dem geöffneten Sarg der „Sausage Princes“, aus dem fette Würste herausquellen, schwarz verschleierte Frauen, verliebte Paare, Pferde und tapirähnliche Wesen zwischen Mensch und Tier. Über allem schwebt, frei nach Hans Baldung Griens erotischen Hexendarstellungen, eine nackte Frau auf einem Ast reitend. Was hier noch wie ein munteres Spektakel wirkt, wandelt sich in „Equal Opportunity“, einer weiteren Radierung der Folge, in ein monströses Welttheater von Gewalt und Schrecken. Hinter der Fassade kontrollierter Fürsorge pflegen in einer Krankenstation mit eisernen Gitterbetten Schwestern mit hohen Hauben ihre kleinen Patienten, die sich bei näherem Hinsehen als schreckliche Missgeburten erweisen.

Bereits in ihrer 2004 erschienenen Radierfolge 400 series hat Dasha Shishkin ein ähnlich überbordendes Szenario aufgefächert. 1977 in Moskau geboren, lebt und arbeitet die Künstlerin seit 1993 in den USA. Angeregt durch Hieronymus Bosch, Pieter Brueghel sowie die großen Graphiker des Fin de siecle wie James Ensor und Aubrey Beardsley entfaltet Shishkin ein grotesk-satirisches Bildrepertoire, das mit graphischer Schärfe die Abgründe der Menschheit aufzeichnet. Wie mit dem Seziermesser umreißt sie mit kühl-präziser Linie die Konturen ihrer Figuren und bettet sie in ein ungewisses Dickicht von Schraffuren ein. Akrobaten, Tiere, Mensch- Fischgestalten tummeln sich in scheinbarer Einmütigkeit, im Dialog mit anderen oder allein, stets mit etwas beschäftigt, was sich sogleich jedoch als absurdes oder sinnloses Treiben entpuppt. Dabei mischen sich klassische Motive mit Bildern ihrer russischen Herkunft. An Brueghels „Wimmelbilder“ erinnernd, entwickelt sich in Shishkins Radierungen ein Panorama gesellschaftlicher Beziehungen, in dem Ängste, Bedrohungen, Aggressionen und Repressalien und zugleich Isolation und Einsamkeit vorherrschen. Träume werden zu Albträumen und Banales mutiert zu Unaussprechlichem. Ihre Bilder zeigen eine Welt voller Unbehagen, in denen das Pendel stets zwischen idyllischem Elysium und bitterböser Realität ausschlägt. So amüsieren sich in Fucking Children nackte Frauen entspannt beim Telefonieren und Baden, während ein Kind verlassen inmitten eines von Gespenstern und Fabelwesen beherrschten Dschungelwaldes steht. In dem narrativ dahinfließenden Erzählstrom ihrer Bilder liegt die Provokation von Shishkins Werken: Nichts ist so harmlos, wie es scheint.

Die erst 28-jährige Künstlerin hat in den letzten Jahren Gemälde, besonders aber Zeichnungen und Radierungen von ungewöhnlich graphischer Virtuosität geschaffen. Erst in diesem Jahr wurde neun ihrer Radierungen aus der Folge 400 series in der Ausstellung Geschichtenerzähler in der Hamburger Kunsthalle zusammen mit einem Wandbild gezeigt. Für die griffelkunst sind nun in Zusammenarbeit mit dem Berliner Drucker Detlef Jäger Arbeiten entstanden, deren graphische Vielfalt Shishkins Liebe zur Radierkunst dokumentieren. Mehr als bisher hat sie in diesen Blättern mit verschiedenen Farben und Techniken experimentiert. Das Ergebnis sind neben den dichten, erzählerischen Darstellungen durchaus auch spielerische Bilder. So erweist sich das Blatt Where is the Bull‘s Mama als humorvolle Hommage an Goyas Tauromaquia.

Petra Roettig

319 B1
319 B2
319 B3
319 B4
319 B5
319 B6

Dasha Shishkin

1977 geboren in Moskau

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