Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e.V.

<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst</p>
<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst</p>
<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst</p>

Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst

<p>Aufbau Installation Thorsten Brinkmann “Ernie & Se King”, Kunstraum Seilerstraße 2011 ©griffelkunst</p>
<p>Aufbau Installation Thorsten Brinkmann “Ernie & Se King”, Kunstraum Seilerstraße 2011 ©griffelkunst</p>
<p>Aufbau Installation Thorsten Brinkmann “Ernie & Se King”, Kunstraum Seilerstraße 2011 ©griffelkunst</p>

Aufbau Installation Thorsten Brinkmann “Ernie & Se King”, Kunstraum Seilerstraße 2011 ©griffelkunst

<p>In der Druckwerkstatt von Thomas Franke ©griffelkunst</p>
<p>In der Druckwerkstatt von Thomas Franke ©griffelkunst</p>
<p>In der Druckwerkstatt von Thomas Franke ©griffelkunst</p>

In der Druckwerkstatt von Thomas Franke ©griffelkunst

<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>

Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst

<p>Im Atelier von Anja Tchepets ©griffelkunst</p>
<p>Im Atelier von Anja Tchepets ©griffelkunst</p>
<p>Im Atelier von Anja Tchepets ©griffelkunst</p>

Im Atelier von Anja Tchepets ©griffelkunst

Christian Schellenberger

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B-Reihe / 385. Wahl

I. Quartal 2022

Alle Richtungen

Radierung

1. Stammstrecke
2. Zugspitze
3. Schallschutz
4. Warteschleife
5. Weichenstellung
6. Hochspannung

37,0 × 50,0 cm | 26,5 × 41,5 cm
Druck: Saal Presse, Bergsdorf
Papierqualität: 250 g/qm Zerkall-Bütten

Bäume, Zugpfeifen und elektronische Musik – Christian Schellenbergers Zugzeichnungen

von Brigitte Bedei

»Das Reisen und meine zeichnerische Arbeit sind untrennbar miteinander verknüpft«, sagt der in Berlin lebende Künstler Christian Schellenberger. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er an umfangreichen Zeichenserien – im Zug. Neben dem europäischen Raum hat er die Mongolei bereist, ist mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland und weiter bis nach Peking gefahren – und von dort per Zug wieder zurück nach Berlin. Über 80 Zugzeichnungen sind während dieser Reisen entstanden. Bei Tageslicht zeichnet er mit roter Tusche, abends verwendet er blaue. Seine Arbeit dokumentiert er in tagebuchartigen Texten:

Irgendwie geht es nicht so gut heute. Ich habe Rückenschmerzen und das nervt beim Zeichnen. Es hindert mich eigentlich auch an meiner Arbeit. Heute stehen wir
mehr, als dass wir uns bewegen. Immer, wenn sich der Zug bewegt, geht es besser. Nein, ich zeichne nicht die Landschaften, an denen wir vorbeifahren, aber ich zeichne die Bewegung, und ich zeichne durch die Bewegung. Die Bewegung bringt die Ideen, den Flow und die Formen, die ich aufs Papier setze. Komisch mit dem Zeichnen. Sehr viel Widerstand auf diesem Blatt und die Rohrfeder funktioniert auch nur sehr widerwillig. Aber es soll auch nicht glatt sein. In das Papier soll ich mich graben, genau wie die Schienen einst in die Landschaft gebracht wurden. Immer wieder aufhören heute; Kontrolle, warten, kurz aufstehen. Wenn es dunkel wird, zeichnet es sich besser. Da ist mein wertendes Auge schwach und meine Hand sagt, wo und wie es geht. Draußen ist es jetzt vor allem braun und karg. Neben russisch wird mongolisch gesprochen. Die verrückte Knacksprache, die mir so schwer erscheint.

Sükhbaatar, 18:00 Uhr Moskauer Zeit,
Christian Schellenberger, 08.11.2017

Zugstrecken sind für den Künstler ein Projektionsraum. Sie lassen ihn während der zeichnerischen Arbeit daran denken, wie Raum im 19. und 20. Jahrhundert erschlossen und verändert wurde. Nicht nur der Blick aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft, organische und architektonische Formen, die seinen Zeichenrhythmus bestimmen, fließen in die Zeichnung ein, sondern auch die äußeren Umstände eines beengten Zugabteils, Geräusche und Bewegungen des Zuges, Gerüche, Eindrücke des Zugalltags. Seine schriftartigen Notate und zitternden Linien verketten sich zu horizontal verlaufenden Ornamenten, unterbrochen von Brüchen und Sprüngen. Es bilden sich gewebeartige Strukturen und Labyrinthe, die sich verdichten und einander überlagern. Irgendwann treten die äußeren Einflüsse zurück und Schellenberger ist ganz in der Zeichnung. Urbane Gefüge tauchen auf, Bildzeichen verzahnen sich zu endlosen Landschaften. Er baut, zerstört, ordnet, gräbt, ritzt, stößt, hackt und streicht – immer im Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Zufall.

Für die griffelkunst hat sich Christian Schellenberger erneut auf die Reise begeben. Mit einer Probe-BahnCard 100 bewegt sich der Künstler vom 4. Mai bis zum 4. August 2021 drei Monate lang auf dem Schienennetz der Deutschen Bahn kreuz und quer durch die Republik, um an neuen Zugzeichnungen zu arbeiten. Auf diesen Reisen in alle Richtungen zeichnet er jedoch nicht nur mit der Rohrfeder auf Papier, sondern arbeitet auch mit dem Griffel auf der präparierten Kupferplatte. In Größe und Format entspricht sie proportional vergrößert der BahnCard, die ihm die Gelegenheit gibt, neue Städte, Landschaften, Orte und Menschen innerhalb von Deutschland kennenzulernen. Er kommt an Orte, an denen er nichts zu suchen hat. Zwischen den Städten zeichnet Schellenberger Bewegung mit Hilfe von Bewegung. Durch die konsequente Weiterführung seiner (Körper-)Arbeit mit verändertem Medium kommt er zu unbekannten Linien, Schriften, Zeichen und Gesten. Er notiert:

01.06.2021 nach Hamburg

Ein Abteil für mich. Kein Bordbistro. Über Spandau. Gleich geht es mir so viel besser. Unbeobachtet kann ich in meine Zeichnung gehen. Ich fühle mich in meinen komischen Bewegungen. Wie ich mich drehe, mich halte, mein Gesicht krampfe. Bäume Bäume Bäume Zugpfeifen elektronische Musik ich bin so drin, dass die Linien, die ich ziehe, nicht meiner Hand entstammen

Wie ein Seismograph zeichnet Christian Schellenberger unter körperlichem Einsatz. Voraussetzung zum Zeichnen ist die Beanspruchung aller Sinne. Die sechs Radierungen des Künstlers geben einen tiefen Einblick in diesen Arbeitsprozess.

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Christian Schellenberger

1980 geboren in Berlin, wenn er nicht reist, ist er in Berlin unterwegs

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