Asana Fujikawa
Einzelblätter E 628|E 629
Zwischen Verwandlung und Vorstellungskraft
von Brigitte Bedei
In ihren Arbeiten zeigt Asana Fujikawa Momente des Übergangs: zwischen Mensch und Tier, Traum und Wirklichkeit, Mythos und Gegenwart. Mit Zeichnungen, druckgraphischen Arbeiten und Keramikfiguren erzählt die Künstlerin Geschichten, in denen Mythologie, Märchen und Alltag aufeinandertreffen.
Ein wiederkehrendes Motiv in ihren Bildwelten ist die Figur der Schlange, die wir bereits im Frühjahr 2024 als Teil einer Serie von Radierungen vorgestellt haben. Ein Blatt der Serie erzählt von Mutter Schlange und ihrer Tochter und zeigt einen Berggott, der Mutter Schlange aus ihrer Haut befreit, sodass sie menschliche Gestalt annehmen und ihre Tochter zur Welt bringen kann. In dem großformatigen Einzelblatt Mutter Schlange und ihre Tochter im gemeinsamen Flug verwandelt sich die Mutter zurück in eine blauhäutige Schlange und schwebt gemeinsam mit ihrer Tochter durch die Lüfte. Wandel erscheint hier nicht als Bruch, sondern als natürlicher Kreislauf und zeigt eine tiefe Verbindung zwischen Mensch und Natur. Auch in der Radierung Lesen steht Verwandlung im Mittelpunkt, diesmal ausgelöst durch die Kraft der Vorstellung. Ein Mädchen sitzt in einem Sessel, beleuchtet vom Licht einer Lampe, mit einem Buch auf dem Schoß. Diese ruhige Alltagsszene bildet das Zentrum eines sich ausbreitenden Bildraums. Auf ihrem Schoß liegt ein Luchs, halb Haustier, halb wildes Wesen. Um sie herum allerdings beginnen Dinge zu schweben: Musikinstrumente, ein Teppich, geheimnisvolle Objekte, ein See. Pflanzen scheinen sich zu bewegen, Schatten tauchen auf, eine Frau mit einem Leoparden tritt in Erscheinung. Alles wirkt miteinander verbunden, als sei die Fantasie aus dem Buch heraus in den Raum geströmt. Lesen wird hier nicht als Rückzug gezeigt, sondern als schöpferische Kraft. Die äußere Welt verwandelt sich, weil sich die innere Welt öffnet. Grenzen verschwimmen zwischen Realität und Vorstellung. Fujikawa zeigt, dass Geschichten Räume schaffen können, in denen andere Regeln gelten, Orte, an denen Veränderung selbstverständlich ist.
Bereits während ihres Studiums an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg begann die Künstlerin damit, ihre Zeichnungen auf die Radierplatte zu übertragen. In ihren beiden Einzelblättern kombiniert sie hier die feinen, zeichnerischen Linien der Weichgrundätzung mit den weichen, flächigen Tonabstufungen der Aquatinta. Farbig gedruckt von drei Kupferplatten entstehen so vielschichtige Bilder von großer Tiefe und Bewegung.
C-Reihe, 393. Wahl
I. Quartal 2024
Radierung
Druckkostenzuschlag 393 C3: € 5,–
Papierqualität: 300 g/qm Hahnemühle Alt Lünen, hellweiß matt
Druck: Atelier für Druckgrafik, Wedel
Lebendige Mythen
von Brigitte Bedei
Asana Fujikawa ist eine Geschichtenerzählerin. In ihren Werken verbindet sie häufig japanische und europäische Mythologien mit Elementen aus Märchen, die sie verändert und neu erzählt. So fließen auch eigene Erfahrungen der Künstlerin in ihre Bildgeschichten ein. Diese kreisen um verschiedene Figuren, wie Fabelwesen oder Göttinnen aus der japanischen Mythologie, die ganz unterschiedliche Eigenschaften haben. Sie können Helfende in der Not sein, aber auch großes Unglück mit sich bringen. Manchmal gehen sie eine Verbindung mit menschlichen Wesen ein – dann wird es kompliziert.
Von der Beziehung zwischen Mensch und Tier oder auch Himmelswesen erzählen die sechs Radierungen von Asana Fujikawa, die sie für die griffelkunst entwickelt hat. Darin verliebt sich ein Junge in eine Vogelfrau, die ihre Krallenfüße so hässlich findet, dass sie ihm diese nicht zeigen mag. Vor lauter Liebeskummer senkt sie traurig ihren Kopf. Umgeben von anderen, ungeliebten Lebewesen, die sie bei sich aufgenommen hat, scheint sie mutlos. Denn auch diese verheimlicht sie vor dem Jungen. Was wird aus einer Liebe, der das Vertrauen fehlt? Häufig zitiert die Künstlerin in ihren Arbeiten die Figur der Himmelsmädchen. Diese sind überaus schön und können dank eines Kleides aus Federn fliegen. Dem liegt die Sage von den Tennyo zugrunde, die als Hofdamen der Kaiser im Himmel dienen. Eine der bekanntesten Geschichten ist die Legende von einer Tennyo, deren Kleid von einem Bauern während eines Bades im Fluss gestohlen wird, sodass sie nicht in den Himmel zurückfliegen kann. Sie heiratet ihn schließlich und bekommt zwei Kinder mit ihm. Ihre Geschwister drängen sie zurückzukehren, bürden ihr jedoch auf, zunächst 1.000 Schuhe zu fertigen. Anders als in der ursprünglichen Überlieferung, in der die Tennyo ihre Familie zurücklässt, nimmt sie sie in Asana Fujikawas Version mit. Die Radierung zeigt, wie sie ihre Kinder und den Ehemann, auf einem Schleier schlafend, in den Himmel zieht.
Formal greift sie in ihren Zeichnungen und Radierungen häufig auf japanische Rollbilder, die sogenannten Emaki, zurück. Diese entstanden im 6. Jahrhundert und sind illustrierte Erzählungen, die auf Handrollen gezeichnet, gemalt und gedruckt wurden. Das Format und der Bildaufbau zielen weniger auf die Fixierung eines Bildzentrums ab, sondern auf Bewegung. Es handelt sich um Bilderschichten, die als eine frühe Form von Comics oder Animationen betrachtet werden können. So sind in ihren Radierungen häufig mehrere Geschichten gleichzeitig zu sehen. Einfluss auf ihre Arbeit hat auch die Literatur: »Meine Arbeit wird zum Beispiel sehr stark von früher Literatur aus Japan inspiriert, etwa durch den Schriftsteller Natsume Soseki. Trotzdem lebe ich natürlich in der Gegenwart und werde von alltäglichen Geschehnissen beeinflusst«, sagt die Künstlerin.
Ihre Geschichten sind von glücklichen und traurigen Momenten geprägt und der Frage danach, wie wir mit Leid, Schmerz und dem Unbekannten umgehen. Die Künstlerin erzählt in ihren Arbeiten davon, wie Herausforderungen bewältigt werden können, aber auch von der Liebe in allen ihren Facetten. So sind es grundsätzliche Daseinsfragen nach Verantwortung, Vertrauen und der Macht der Liebe, die Fujikawa in ihren farbig angelegten Radierungen verhandelt. Die Arbeiten zeigen zudem eine Wertschätzung und tiefe Verbundenheit mit der Natur. Gedruckt werden die Motive von mehreren Kupferplatten, wobei Fujikawa hier zwei Formen der Radierung miteinander verbindet: die zeichnerische im Vernis mou, der Weichgrundätzung, und die malerische in der Aquatinta. Bereits während ihres Studiums an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg beginnt die Künstlerin damit, ihre Zeichnungen auf die Radierplatte zu übertragen. Gegen Ende ihres Studiums erweitert sie ihre Techniken auf die Keramik, indem sie ihren Motiven einzelne Protagonisten und Protagonistinnen entnimmt, die als Keramikfiguren Gestalt annehmen.
Asana Fujikawa
1981 geboren in Tokio, Japan, lebt und arbeitet in Hamburg