griffelkunst

Instabile Ordnungen: Soyon Jung

Auf den Radierungen von Soyon Jung erscheinen die Brückensymbole nicht als stabile Verbindungen, sondern als fragile Strukturen im Verfall. Aus dem Symbol für Austausch und Zusammenhalt wird ein Bild von Unsicherheit und aufgelöster Ordnung. Die Euro-Banknoten der Europäischen Zentralbank gelten als „greifbares und sichtbares Symbol der europäischen Einheit“. Ihre Brücken stehen für Verbindung und Verständigung, Fenster und Tore für Offenheit und Kooperation. Gleichzeitig ist diese Bildwelt bewusst fiktional: Die dargestellten Bauwerke existieren nicht real, sondern zitieren abstrahierte europäische Architekturstile verschiedener Epochen.

Für die aktuelle Edition verbindet die Künstlerin digitale und traditionelle Drucktechniken. Anders als bei ihrer gleichnamigen Arbeit von 2023, die im Polymertiefdruck entstand, wurden diesmal Muster und Schriftzüge von Banknoten mit einem Plotter in beschichtete Kupferplatten geritzt und anschließend von Hand ergänzt. So entstanden sechs klassische Radierungen im Tiefdruckverfahren – jenem Verfahren, das auch bei der Herstellung von Banknoten verwendet wird. Auch die Farbigkeit orientiert sich an den jeweiligen Original-Banknoten.

Jungs Arbeiten greifen Fragen nach gesellschaftlichen Idealen und ihrem Zerfall auf. Die fragilen Brücken verweisen dabei auf Spannungen innerhalb Europas: politische Interessenkonflikte, wirtschaftliche Ungleichheiten, Debatten über Migration und Grenzen sowie globale Krisen wie Krieg, Klimawandel und digitale Desinformation stellen gemeinschaftliche Strukturen immer wieder infrage. In dieser Spannung entfalten die Graphiken ihre Wirkung. Sie zeigen europäische „Brücken“ nicht als stabile Gewissheiten, sondern als politische Konstruktionen, die auf Vertrauen, Ausgleich und gemeinsamer Belastbarkeit beruhen.

Die Brücken auf den Rückseiten der Banknoten 5, 20 und 50 Euro
Die Brücken auf den Rückseiten der Banknoten 5, 20 und 50 Euro