Für die griffelkunst hat Tamina Amadyar ihre Bildsprache in die Lithographie übersetzt. Sie untersucht, wie sich Transparenz, Struktur und Farbtiefe in ein druckgraphisches Medium übersetzen lassen. Gerade in den feinen Lasuren und Überlagerungen zeigt sich ihre besondere Sensibilität für die Wirkung von Farbe und Oberfläche. Ausgehend von Tuschearbeiten entwickelt Amadyar drei Landschaften in Grau- und Sandtönen, die Landschaftserinnerungen an die kanadische Atlantikküste zeigen. In drei weiteren Arbeiten setzt sie jeweils zwei Farben in einen Dialog und lässt neben Landschaften auch Figuren entstehen.
Im Zentrum von Amadyars Malerei steht die Farbe selbst: als Material, als Trägerin von Geschichte und als sinnliche Erfahrung. Sie arbeitet häufig mit nur zwei Farben, die sie in einen spannungsvollen Dialog setzt. Durch Komplementärkontraste, Überlagerungen und transparente Schichtungen entstehen Bildräume von außergewöhnlicher Tiefe und Leuchtkraft. Die reduzierten Formen erinnern an Landschaften, Horizonte oder architektonische Räume, ohne diese konkret abzubilden. Ein wesentliches Merkmal ihrer Arbeiten ist die Verwendung von Pigmenten in Verbindung mit Hasenleim, einer Technik, die den Oberflächen eine besondere Strahlkraft und zugleich eine fühlbare Materialität verleiht. Die Farbe wirkt dabei nicht nur visuell, sondern beinahe physisch erfahrbar. Mit schnellen, gestischen Bewegungen aufgetragen, öffnen sich die Farbfelder zu atmosphärischen Räumen zwischen Ruhe und Bewegung.
Die Künstlerin versteht Farbe dabei auch als kulturellen und historischen Speicher. Ausgangspunkt ihrer Auseinandersetzung war unter anderem das Pigment Lapislazuli, dessen Herkunft und Handelsgeschichte sie mit Fragen nach Migration, Erinnerung und Bewegung verbindet. Farbe erscheint in ihren Arbeiten somit nicht allein als ästhetisches Mittel, sondern als verdichtete Spur von Zeit, Herkunft und Erfahrung.
Arbeiten von Tamina Amadyar sind aktuell unter anderem in der Gruppenausstellung „Auto-Paragone“ in der Galerie Guido W. Baudach in Berlin zu sehen; die Ausstellung läuft noch bis zum 13. Juni 2026.
Außerdem zeigt das Kunstmuseum Karlsruhe seit dem 23. Mai 2026 im Rahmen von „Szenenwechsel 4“ einen eigenen Künstler*innenraum mit Arbeiten von Amadyar, der bis zum 4. Oktober 2026 geöffnet ist.