griffelkunst

Zwischen Gemeinschaft und Rückzug: Kaj Osteroth

Ihre figurativen Motive hat Kaj Osteroth aus der Malerei in die Druckgraphik übersetzt. Dabei hat sie sich für eine Kombination aus Lithographie und Linolschnitt entschieden, Tuschezeichnungen und flächige Formen treffen aufeinander. Entstanden ist eine Serie, die Figuration, kontrastreiche Farbigkeit und formale Reduktion verbindet und in der sie auf ganz unterschiedliche, komplexe Themen eingeht.

„with love” nimmt die Erinnerungskultur in den Blick und fragt vor allem danach, wer die Deutungshoheit über das Erinnern besitzt. Das offene Mikrofon, in der Lithographie durch eine Sprechblase verstärkt, steht für unterschiedliche Stimmen und Geschichten, die gehört werden wollen.  Die Arbeiten „it matters” und „who cares” entwerfen Bilder temporärer solidarischer Gemeinschaften, auf einer Couch und im Tonstudio. Beide zeigen ein intensives Miteinander, das von Zuneigung, Aufmerksamkeit und gegenseitiger Verbundenheit erzählt und zugleich in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang eingebettet ist. In „it matters” fliegen einer Dreiergruppe auf dem Sofa Luftküsse zu. Gesten der Zuneigung umrahmen die Szene und machen die Nähe zwischen den Personen spürbar. Die Gemeinschaft bleibt getragen vom engen Kontakt miteinander und bildet einen Raum des Zusammenhalts. In „who cares” begegnen wir Menschen im Tonstudio, ausgestattet mit Kopfhörern und Mikrofon. Hier wird zugehört, gesprochen, widersprochen und gesendet. Das Radio wird zum Bild einer Gemeinschaft, die über den unmittelbaren Raum hinausreicht. Der Titel meint dabei gerade nicht das gleichgültige Abwenden, sondern die aktive, zugewandte Arbeit des Sich-Kümmerns: das Zuhören, das miteinander Sprechen und die Bereitschaft, Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Einen anderen Akzent setzt „Fuck”. Eine auf dem Rücken liegende Figur, ein Selfie, zeigt den Mittelfinger. Die Geste ist unmissverständlich: eine Zurückweisung, eine Weigerung, sich anzupassen oder mitzumachen. Sie behauptet das Recht, sich zu entziehen, Grenzen zu setzen und den eigenen Widerstand sichtbar zu machen. Wo die anderen Arbeiten nach Möglichkeiten des Erinnerns, Zuhörens und gemeinsamen Handelns fragen, setzt Fuck auf Verweigerung.

Zusammen eröffnen die Arbeiten ein Spannungsfeld zwischen Zuwendung und Abgrenzung. Sie fragen danach, wie solidarisches Miteinander entstehen kann, formuliert aber auch die Möglichkeit, sich zu widersetzen.

 

 

Einblicke in den Entstehungsprozeß, Saal-Presse, Bergsdorf, im Sommer 2026