griffelkunst

Wade Guyton

Projekt-Reihe

P120 ohne Titel (Dürer 1)
P120 ohne Titel (Dürer 1)
P121 ohne Titel (Dürer 2)
P121 ohne Titel (Dürer 2)
P122 ohne Titel (Dürer 3)
P122 ohne Titel (Dürer 3)
P123 ohne Titel (Dürer 4)
P123 ohne Titel (Dürer 4)
P124 ohne Titel (Dürer 5)
P124 ohne Titel (Dürer 5)
P125 ohne Titel (Dürer 6)
P125 ohne Titel (Dürer 6)
Projekt-Reihe Mappe
Projekt-Reihe Mappe

Fehlermeldungen

von Stephanie Bunk

Das zentrale Werkzeug von Wade Guyton ist der gemeine Tintenstrahldrucker, bevorzugt der Marke Epson. Was den meisten verhasst ist, ist zentraler Bestandteil seines Werks. Papierstaus und verstopfte Düsen, Passungenauigkeiten, Schlieren oder Farbtropfen führen bei Guyton zu ästhetisch verblüffenden Ergebnissen. Um diese Effekte heraufzubeschwören, benutzt der Künstler Druckträger, welche die Geräte zwangsläufig überfordern. Für seine »Malerei« füttert er den Drucker mit langen Bahnen grundierter Leinwand, die er faltet und von zwei Seiten bedruckt. Oder er reißt unsanft Seiten aus Katalogen, Zeitschriften und antiquierten Büchern heraus, um sie als Untergründe zu verwenden.

»Zeichnungen« nennt er diese Arbeiten auf Papier, die er seit den frühen 2000er- Jahren verfolgt. Zu dieser Zeit, sein Studium bei dem Bildhauer Robert Morris am Hunter College in New York hatte er gerade beendet, sucht er in Katalogen nach Werken von anderen Künstlerinnen und Künstlern, nach Photos von Architektur und Bildhauerei. »Anfangs habe ich Seiten mit Arbeiten von Künstlern herausgerissen, die ich mochte, die mich beeinflussten, sozusagen mein Quellenmaterial dargestellt haben.« Viele dieser Werke kennt er nur von Abbildungen. Nicht das Zitieren von etwas ist ihm wichtig, sondern das Buch als Material. Auch der Zufall kommt ins Spiel, denn, statt die Buchseiten gezielt auszuwählen und von Hand zu bezeichnen, entscheidet er sich für ein neues Verfahren: »Ich begann also, in zufälliger Wahl Buchseiten herauszureißen, aus unterschiedlichsten Büchern, und nicht mehr so viel darüber nachzudenken, wie die Zeichnungen auf den Seiten aussehen würden.« Gleichzeitig ersetzt er den Marker, mit dem er auf den Bögen zeichnet, durch den Drucker. Mit dem Gerät setzt er Streifen, graphische Muster und typographische Elemente auf die ausgerissenen Buchseiten. Später kommt der Druck auf Leinwand hinzu, den er das erste Mal 2004 in der von Yilmaz Dziewior kuratierten Ausstellung Formalismus. Moderne Kunst, heute im Hamburger Kunstverein zeigt. Inzwischen sind die großformatigen Drucke auf Leinwand zu seinem Markenzeichen geworden. Es ist wieder Yilmaz Dziewior, der als Direktor des Museum Ludwig in Köln 2019 die erste große Retrospektive Zwei Dekaden MCMXCIX–MMXIX des Künstlers in Deutschland zeigt. Dank seiner Vermittlung und mit der Unterstützung des Zürcher Druckers Thomi Wolfensberger, der bereits oft und eng mit Guyton zusammengearbeitet hat, ist es uns gelungen, eine Edition mit dem Künstler zu realisieren.

Trotz der charakteristischen »Bildfehler« bilden unverkennbar sechs Seiten aus dem Buch Albrecht Dürer als Maler die Grundlage für die Edition. Sie zeigen ikonische Gemälde Dürers (1471–1528) wie das Selbstbildnis im Pelzrock (1500) sowie zeichnerische Studien und ein Landschaftsbild. Man sieht, dass die zu Stapeln angeordneten Buchseiten unsanft ausgerissen wurden und bereits durch Guytons Epson-Drucker gelaufen sind. Über jedes der sechs Motive ziehen sich unregelmäßige schwarze, rote und gelbe Streifen. Man darf Wade Guytons feinen Sinn für Humor nicht unterschätzen, wenn die »störenden« Schlieren auf den Bildern an die Bundesfarben erinnern. Warum Guyton sich bei einer Zusammenarbeit mit der griffelkunst für Dürer- Motive entschieden hat, kann man nur spekulieren. Zufällig scheint die Wahl nicht zu sein. Ob Dürer zu den Künstlern gehört, die Guyton beeinflusst haben? Vielleicht. Denn wie der Renaissancemaler ist auch Guyton besessen vom Drucken. Beide haben das Drucken revolutioniert, jeder in seiner Zeit, mit völlig verschiedenen Mitteln und Folgen. Und beide stellen traditionelle Vorstellungen von Autorschaft und Authentizität, Kunstproduktion und Reproduktion auf die Probe. Wenn nun Guyton auf Abbildungen von Dürer druckt, reiht er sich ein in eine Kette des Druckens und Überdruckens: Albrecht Dürers Werke werden in einem Buch abgedruckt – Seiten aus dem Buch bedruckt Wade Guyton – Thomi Wolfensberger druckt Guytons Drucke für die griffelkunst. Auch die Signatur folgt dieser Logik. Es ist nur konsequent, wenn der Künstler seine Initialen statt von Hand zu signieren, stempeln lässt, schließlich war Dürer der erste, der jedes seiner Werke mit seinem berühmten, zeichenhaften AD versah. Wade Guyton eröffnet in seiner Serie einen Dialog, ein Spiel mit Verweisen, das wie ein Vexierspiel keinen Abschluss findet.

guyton_portrait.jpg

Wade Guyton

1972 geboren in Hammond, Indiana, USA
lebt und arbeitet in New York City, USA