griffelkunst

Soyon Jung

B-Reihe, 401. Wahl, I. Quartal 2026

401 B1 Die Herrschaft des Konkreten (5 Euro)
401 B1 Die Herrschaft des Konkreten (5 Euro)
401 B2 Die Herrschaft des Konkreten (10 Euro)
401 B2 Die Herrschaft des Konkreten (10 Euro)
401 B3 Die Herrschaft des Konkreten (20 Euro)
401 B3 Die Herrschaft des Konkreten (20 Euro)
401 B4 Die Herrschaft des Konkreten (50 Euro)
401 B4 Die Herrschaft des Konkreten (50 Euro)
401 B5 Die Herrschaft des Konkreten (100 Euro)
401 B5 Die Herrschaft des Konkreten (100 Euro)
401 B6 Die Herrschaft des Konkreten (200 Euro)
401 B6 Die Herrschaft des Konkreten (200 Euro)

Fragile Verbindungen

von Brigitte Bedei

Haben Sie sich schon einmal näher mit der motivischen Gestaltung der Euro-Banknoten beschäftigt? Die Europäische Zentralbank verwendet symbolische Architekturelemente: Brücken, Fenster, Tore und Bögen, die es in der Realität nicht gibt, die aber auf europäische Architekturgeschichte verweisen. Sie sollen Offenheit, Verbundenheit und kulturelle Gemeinsamkeiten transportieren, ohne einzelne Länder zu bevorzugen. 2023 beschloss die EZB eine Neugestaltung der Banknoten, bei der Themen wie »Europäische Kultur« sowie »Flüsse und Vögel« im Fokus stehen sollen. Banknoten mit konkreten, identitätsstiftenden Motiven bleiben also in unserem Alltag präsent, auch in Zeiten digitaler Zahlungen.

Die sechsteilige Tiefdruck-Serie Die Herrschaft des Konkreten von Soyon Jung greift diese Symbolik auf und zeigt den Zerfall jener Brückenmotive, die auf den Rückseiten verschiedener Euro-Geldscheine abgebildet sind. In den Radierungen geraten die Brücken ins Wanken, lösen sich auf und verlieren ihre verbindende Funktion. Das Symbol des Zusammenhalts erscheint instabil und verletzlich; es spiegelt die brüchige Realität europäischer Zusammenarbeit wider, die von politischen Spannungen, dem Zerfall politischer Bündnisse und wirtschaftlichen Interessenkonflikten geprägt ist. Nationalistische Tendenzen sowie externe Einflüsse wie Cyberangriffe und Desinformation verstärken diese Brüchigkeit gemeinsamer Handlungsfähigkeit.

Die Serie umfasst die Werte 5, 10, 20, 50, 100 und 200 Euro und verweist dabei auf die Stilepochen Klassische Antike, Romantik, Gotik, Renaissance, Barock und Jugendstil. Jeder Druck kann für sich betrachtet werden, doch zusammen ergeben die Arbeiten ein vielschichtiges Bild von Ordnung, Gestaltung, Sicherheit und Symbolik. Die Radierungen thematisieren nicht nur den materiellen Wert von Geld, sondern auch seine Rolle als kulturelles und politisches Zeichen und lassen Freiräume für eigene Assoziationen.

Technisch unterscheidet sich die Griffelkunst-Serie von der gleichnamigen Arbeit aus dem Jahr 2023, die Soyon Jung im Polymertiefdruck hergestellt hat. Bei diesem Verfahren werden die Motive auf lichtempfi ndliche Polymerplatten übertragen, belichtet und anschließend im Tiefdruck gedruckt. Digitale Drucktechniken verbindet die in Südkorea geborene Künstlerin mit traditionellen Techniken wie der Radierung. Ihre Bildwelten zeigen häufi g dystopische und utopische Ruinenlandschaften, die gesellschaftliche Ideale und ihren Zerfall refl ektieren. Für die aktuelle Edition hat die Künstlerin charakteristische Muster und Schriftzüge der Banknoten mechanisch mit einem Plotter in mit Asphaltlack beschichtete Kupferplatten geritzt. Die übrigen Linien ergänzte sie von Hand, sodass sechs klassische Radierungen entstanden sind. Wie diese werden auch originale Banknoten im Tiefdruckverfahren hergestellt, ein aufwendiges Verfahren, das feine Reliefstrukturen erzeugt und Haptik sowie Fälschungssicherheit gewährleistet. Geldscheine erreichen fast alle Menschen im Alltag und werden so zu einem allgemein zugänglichen Medium. Die Farbigkeit der Edition orientiert sich an den Original-Banknoten. 

Der Titel Die Herrschaft des Konkreten verweist sowohl auf die greifbare, materielle Ebene der Brücken- und Geldmotive als auch auf die politischen und gesellschaftlichen Strukturen, die diese verbindenden Elemente symbolisieren. Zugleich wird ihre Zerbrechlichkeit sichtbar: Ordnung, Stabilität und Vertrauen sind nicht selbstverständlich, sondern müssen aktiv erhalten werden. Marode Brücken sind auch sichtbare Zeichen der Vernachlässigung öffentlicher Infrastruktur. Sie verbinden Menschen im Norden wie im Süden Europas, von der Katastrophe der Ponte Morandi in Genua 2018 bis zum Einsturz der Carolabrücke in Dresden 2024. So vereint die Serie ästhetische, kulturelle und gesellschaftspolitische Beobachtungen – und zeigt nicht zuletzt meisterhafte Radierungen.

Soyon_Porträt.jpg

Soyon Jung

1982 geboren in Gwangju, Südkorea,
lebt und arbeitet in Hamburg