Roman Signer
Skulpturen auf Zeit
von Stephan Kunz
Es war eine Zeit des Aufbruchs und der künstlerischen Experimente: Als Roman Signer, Jahrgang 1938, Ende der 1960er- Jahre seinen Beruf als Hochbauzeichner aufgab und zur Kunst wechselte, war nichts mehr selbstverständlich. Die Grenzen zwischen den Medien wurden fl ießend und Konzepte waren wichtiger als vorgefasste Ausdrucksweisen. Roman Signer begann zuerst im Atelier und weitete seinen Aktionsradius zunehmend aus. Heute ist der Schweizer Künstler weltweit unterwegs und findet überall Anknüpfungspunkte für seine Werke. Bekannt geworden ist Roman Signer als ein Künstler, der die Grenzen des gängigen Kunstbegriffs in Frage stellt und zugleich neue Konzepte für seine »Skulpturen auf Zeit« entwickelt. Nichts ist statisch, alles bewegt und verändert sich oder trägt die Möglichkeit in sich, feste Formen aufzulösen und bestimmte Konstellationen als zeitgebunden vorzuführen. Roman Signer operiert mit den physikalischen Kräften, den Elementen der Natur und nützt nicht selten die Landschaft als Atelier oder Experimentierbühne. Dabei dienen ihm immer wieder Alltagsgegenstände als Requisiten für seine Arbeiten. Zuweilen haben seine Werke etwas Ephemeres, Vorübergehendes, sie sind aber immer auch geprägt von einem ästhetischen Wert: Die Farben, die Formen, die Bewegungen folgen bildnerischen Konzepten und machen deutlich, dass Roman Signer nicht auf seine Aktionen reduziert werden darf, sondern vor allem auch als ein Künstler wahrgenommen werden will, der poetische Bilder entstehen lässt, die für einen fl üchtigen Moment vor unseren Augen entstehen.
Das Interesse an bildnerischen Prozessen steht bei Roman Signer immer im Vordergrund und nicht das fertige Bild. Das Ephemere seiner künstlerischen Arbeit bringt es mit sich, dass er stets Mittel und Wege sucht, um das sichtbar zu machen, was ihn umtreibt. Das fängt mit kleinen rudimentären Skizzen an, in denen er seine Bildideen festhält, und führt ihn ins Atelier, wo er Versuchsanordnungen baut, oder in die Natur, wo die Schwerkraft und alle Elemente zum Einsatz kommen und kräftig mitwirken. Neben der Photographie wird früh der Super-8-Film wichtig. Beide setzt Roman Signer als Bildmedien ein, die deutlich über die reine Dokumentation besonderer Ereignisse hinausführen und zu eigenständigen Werken werden.
Die Folge der sechs Photographien zeigt den Blick ins Atelier von Roman Signer und man sieht, dass dies ein Arbeitsort ist, der als Experimentierbühne bezeichnen werden kann. Im Hintergrund liegen Relikte als Hinweise auf andere Versuche. In diesen Kontext bettet er seine neue Aktion ein: Im Zentrum steht ein Gerüst. Daran hängt ein Eimer. An einer auf dem Boden stehenden Kerze führt eine Zündschnur nach oben: Diese Elemente gehören zum Grundinventar von Roman Signer, der immer wieder neue Möglichkeiten findet, sie spielerisch anzuordnen, um mit ihnen und an ihnen Dinge auszuprobieren, die unglaublich nichtig erscheinen und doch immer wieder anziehen und uns humorvoll umgarnen.
Die Kerze brennt und es ist absehbar, dass die Schnur Feuer fangen wird. Der Rauch entwickelt sich, nimmt kontinuierlich neue Formen an und vollführt einen geisterhaften Tanz um den Eimer. Am oberen Ende der Schnur, dort, wo alles fixiert ist, kommt es zu einer kleinen Explosion: die Aufhängung knallt, der Eimer fällt zu Boden und steht am Ende da, wie wenn nie etwas geschehen wäre. Ruhig brennt die Kerze weiter. Wer nur das erste Bild sieht, denkt an das Unheil. Wer nur das letzte Bild sieht, versucht sich vorzustellen, was da passiert ist. Wer die ganze Bildfolge betrachtet, hat das Vergnügen, dem Rauch eine Reihe faszinierender Bilder abzugewinnen.
Roman Signer
1938 geboren in Appenzell, Schweiz,
lebt und arbeitet in St. Gallen, Schweiz