griffelkunst

Noi Fuhrer

A-Reihe, 402. Wahl, II. Quartal 2026

402 A1 ohne Titel
402 A1 ohne Titel
402 A2 ohne Titel
402 A2 ohne Titel
402 A3 ohne Titel
402 A3 ohne Titel
402 A4 ohne Titel
402 A4 ohne Titel
402 A5 ohne Titel
402 A5 ohne Titel
402 A6 ohne Titel
402 A6 ohne Titel

Wenn du vom Schnee träumst, schmilzt er

von Brigitte Bedei

Noi Fuhrer nimmt uns mit in eine Schneelandschaft, in der alles zugleich vertraut und doch fremd wirkt: Die Stufen einer Treppe versinken im Schnee, sodass die Konturen verschwimmen, sie endet vor einem herunter gelassenen Vorhang. Ein in den Schnee gedrücktes Gesicht hinterlässt einen maskenhaften Abdruck und bleibt als flüchtiges Bild zurück. Der Blick aus dem Flugzeug auf schneebedeckte Bergketten, die sich zu schwebenden Gestalten formen. Fast komisch wirkt dagegen die Frauengestalt im dicken Mantel, die im Schnee hockt und ihn »markiert«. »Schnee fungiert sowohl als Material als auch als Leere, aus der Bilder auftauchen und wieder verschwinden«, beschreibt Fuhrer ihre Serie mit dem poetischen Titel If you dream of snow it melts. Vermittelt wird eine fragile flüchtige Stimmung. Nicht das Erzählen steht im Zentrum, sondern das Erzeugen von Bildräumen, in denen sich Eindrücke nur momenthaft verdichten, bevor sie vergehen.

In jedem Motiv gibt es Elemente, die sich als weiße Partien von den Kreidezeichnungen abheben: ein Schneehaufen, der sich am Bildrand verliert, der Schnee auf den Gipfeln oder Milchschaum in einer Kaffeetasse. Diese entstehen durch Auslassungen, Unterbrechungen der ansonsten gerade, in unterschiedlicher Stärke nach unten gezogenen Linien, und verstärken die Flüchtigkeit der Bilder. Licht und Schatten spielen eine zentrale Rolle. Fuhrer nutzt sie, um technische Bildreproduktionen nachzuahmen und zugleich zu hinterfragen. Photographie bildet oft den Ausgangspunkt ihrer Arbeiten. Sie versteht sie weniger als fertiges Bild, sondern als Werkzeug, um flüchtige Momente einzufangen, wie etwa ein besonderes Lichtspiel, eine alltägliche Szene oder eine Stimmung. Aus diesen Momentaufnahmen entstehen die Zeichnungen mit Kohlestift, die über das Photographische hinausgehen. Noi Fuhrer verändert und ergänzt Elemente, um ihre persönliche Wahrnehmung, Erinnerungen und Gefühle sichtbar zu machen. So verbindet sie die Präzision des photographischen Bildes mit der narrativen Tiefe und subjektiven Interpretation ihrer Zeichnungen.

Die Übertragung in die Lithographie verstärkt die Spannung zwischen Materialität und Flüchtigkeit. Das Medium ermöglicht eine besondere Sensibilität für Tonwerte und Oberflächen, sodass die neblige, atmosphärische Qualität der Zeichnungen in eine druckgraphische Form überführt wird, ohne an Offenheit zu verlieren. Gleichzeitig tritt die Frage nach Reproduktion und Bildübersetzung stärker in den Vordergrund. Die Serie oszilliert zwischen dem Unikat der Zeichnung und der vervielfältigbaren Druckgraphik und reflektiert Fuhrers Interesse an technischen Bildsprachen und am Entstehen von Bildern. An den Rändern der Drucke laufen die Motive aus und zerfallen wie Traumbilder. Selbst alltägliche Elemente wie eine Tasse, in die gerade ein Stück Würfelzucker fällt, werden zu flüchtigen »Schneemomenten« im Innenraum – poetisch, flüchtig und Teil einer Serie, die das Entstehen und Verschwinden thematisiert. Am Bildrand ragt eine Zuckerzange wie Vogelkrallen ins Bild, ein irritierender, fast surrealer Moment.

Die Motive bleiben in einem Schwebezustand zwischen Vertrautheit und Rätselhaftigkeit. Sie wirken bekannt und zugleich entrückt, als befände man sich auf einer inneren Reise durch einen diffusen, traumähnlichen Raum. Die Lithographien laden dazu ein, sich langsam in die Bilder hineinzusehen und eigene Erinnerungen, Assoziationen und Wahrnehmungen mit Fuhrers stiller und zugleich suggestiver Bildwelt zu verweben.

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Noi Fuhrer

1987 geboren in Tel Aviv, Israel,
lebt und arbeitet in Berlin