Kristina Schuldt
B-Reihe, 402. Wahl, II. Quartal 2026
Nichts muss passen
von Stephanie Bunk
Auf Kristina Schuldts Gemälden geht es drunter und drüber. Arme und Beine ragen aus abstrakten Formen, Planzenteile sprießen, hier und da taucht eine Hand auf, greift oder verweist auf etwas, Schuhwerk, männlich/weiblich, wird in dem Trubel verloren, genauso wie der Halt. Gesichter sind Fehlanzeige, aber es gibt auch so genug zu sehen und zu staunen. Was zunächst abstrakt anmutet, erweist sich als ein Spiel mit der Wahrnehmung. Denn Kristina Schuldts Bilder sind auch narrativ. Ihr collagehafter, fragmentarischer Stil erinnert an filmische Techniken, wo ein und dieselbe Szene aus verschiedenen Perspektiven gezeigt wird. Auf diese Weise erzeugt die Malerin ein Gefühl von Räumlichkeit und Zeitlichkeit, von Realismus und Abstraktion.
Kristina Schuldt, 1982 in Moskau geboren, emigrierte Mitte der 1980er Jahre mit ihren Eltern nach Neubrandenburg. Für ihr Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, das sie 2012 als Meisterschülerin von Neo Rauch abschloss, zog sie nach Leipzig, wo sie heute lebt und arbeitet. Ihre Themen sind alltäglich und doch essentiell. Ihre vor allem weiblichen Figuren kommen ins Straucheln durch Selbstzweifel, einen Fahrradunfall oder sexuelle Übergriffe. Ihre eigenen Erfahrungen blendet die Malerin nicht aus, sondern zeigt das künstlerische Schaffen als oft auch schmerzhaften Prozess, begleitet von allgemeinen gesellschaftlichen Problemen wie Leistungsdruck, Existenznöten oder zu viel Social-Media-Konsum. Dennoch strotzen ihre Werke durch ihre Fülle und soliden Formen vor Lebensfreude, Energie und Dynamik.
Zu Kristina Schuldts Werk zählen auch Collagen, für die sie eigene Zeichnungen, Malerei und Zustandsphotos von Werken mit gefundenem Bildmaterial verbindet. Dazu zählen genauso private Notizen wie Ausschnitte aus Magazinen oder aus historischen Versandkatalogbildern, die eine besondere Patina und Farbpalette mitbringen. Genau diese findet sich in ihrer Griffelkunst-Edition wieder. Dafür hat die Künstlerin sechs Collagen entwickelt, die sie für den Druck in der Werkstatt von Thomas Franke in Leipzig weiterbearbeitet. Sie schneidet einzelne Partien aus, verwendet die ausgeschnittenen Formen als Schablonen und schafft durch die Aussparungen Freiflächen, die sie in der Technik der Lithographie und im Siebdruck ausfüllt. Trotz dieses durchdachten Zerlegens der Motive verlieren ihre Arbeiten nichts von ihrer Spontanität und Prozesshaftigkeit. Brüche und Übergänge bleiben sichtbar, wenn auch schwerer entzifferbar. Wie bei einem Trompel' OEil scheinen Zettel auf dem Papier zu liegen. Hinter- und Vordergrund geraten in Bewegung und die Grenzen zwischen Malerei, Zeichnung und Photo werden im Druck aufgehoben.
Jedes Motiv verfügt über eine ganz eigene Farbigkeit, durch welche Kristina Schuldt Stimmungen heraufbeschwört. Sie findet Farben für Gefühle und Zustände, zum Beispiel wie es ist, wenn man sich total zerfleddert oder voll auseinandergerissen fühlt. Der Titel der Serie Stoned erinnert ebenfalls an einen Zustand, berauscht ganz ohne Drogen durch das Leben und seine Farben, lange Tage in der Druckwerkstatt und nicht zuletzt durch die Lithosteine, welche die Künstlerin für ihre Edition bearbeitet hat.
Kristina Schuldt
1982 geboren in Moskau, Russland,
lebt und arbeitet in Leipzig