Kaj Osteroth
C-Reihe, 403. Wahl, III. Quartal 2026
In guter Gesellschaft
Wie prägt der gesellschaftliche Wandel unser tägliches Leben? Wie verändern sich unsere Begegnungen und unser Miteinander? Diese Fragen beschäftigen Kaj Osteroth, die in ihrer Malerei Szenen aus dem Alltag zeigt, in denen Nähe und Distanz, Fürsorge und Verunsicherung, Gemeinschaft und Rückzug eng miteinander verbunden sind. In einem Interview, das Brigitte Bedei im August 2026 per E-Mail mit der Künstlerin geführt hat, erzählt sie, wie sie ihre besondere Bildsprache durch manuelle Drucktechniken entwickelt und dabei die Komplexität unserer Gesellschaft in den Blick nimmt.
griffelkunst: Kaj, du hast deine Malerei für diese Edition in die Druckgraphik übersetzt. Welche Motive hast du dafür ausgewählt, und warum hast du dich für die Kombination aus Lithographie und Linolschnitt entschieden?
Kaj Osteroth: Oft befinden sich meine Figuren in Situationen oder Auseinandersetzungen und schaffen einen Raum, der die Betrachtenden einlädt, darin nach Bedeutung zu suchen und sich zu positionieren. So auch bei der Auswahl der Motive für diese Serie. Es sind fast ausschließlich Motive aus Bildzyklen der letzten Jahre, die ich für die Edition geeignet fand und mit denen ich mich erneut auseinandersetzen wollte. Eine heterogene Auswahl, die sich durch Figuration, kontrastreiche Farbigkeit und Reduktion wieder zu einer schlüssigen Gruppe zusammenfügt. Das Arbeiten auf Stein und den gesamten Prozess in der Lithowerkstatt selbst finde ich unglaublich charmant – daher hatte ich die Lithographie von Anfang an im Blick. Schon bei den ersten Entwürfen war klar, dass ich der Tuschezeichnung Flächiges und Buntes gegenüberstellen wollte. Für die ergänzenden Bildebenen experimentierte ich mit Aussparungen, Formen und Comicelementen. Die Idee, die Flächigkeit mit Linolschnitt herzustellen, kam von Angela Schröder aus der Saal Presse, wo die Edition entwickelt und gedruckt wurde. Dabei habe ich entdeckt, dass der Linolschnitt meinen sonst langsamen, spielerischen Malprozess mit seinen Verwerfungen und produktiven Fehlentscheidungen gut übersetzt. Auch hier können Fehler zu überzeugenden Lösungen werden und Details, die in der Reduktion untergehen, plötzlich an Bedeutung gewinnen.
griffelkunst: Du schreibst, dass du deinen Bildprozess für Zufall, Verdichtung und Abstraktion öffnest. Welche Rolle spielen diese Momente gerade in der Druckgraphik, wo die technischen Verfahren ja auch eigene Zufälle und Widerstände mitbringen?
Kaj Osteroth: Ich musste lernen, dass sich im Druckprozess vieles anders verhält. In meiner Malerei lebt die Komposition vom Farbklang und davon, dass sich Farbe auf der Leinwand oft unvorhersehbar entwickelt. Manche Partien gelingen leicht und schnell, anderes muss der Leinwand abgerungen werden. Beides lässt sich kultivieren, bleibt aber nicht vollständig kontrollierbar und auch nicht jederzeit reproduzierbar. Die Reduktion eines Motivs auf eine Ebene und eine Farbe stellte mich deshalb vor neue Herausforderungen. Ich musste die Regeln verstehen, um sie spielerisch zu brechen und dem Zufall Raum geben zu können. Erst durch die Ergänzungen mit Linolschnitt habe ich diese spielerische Hoheit zurückgewonnen.
griffelkunst: In deinen Graphiken entstehen Bildräume, die eher fragmentarisch als eindeutig erzählerisch wirken. Figuren scheinen sich zu begegnen, ohne dass sich eine Geschichte vollständig erschließt. Welche Rolle spielt diese Offenheit für dich?
Kaj Osteroth: In meiner Arbeit geht es immer um konkrete Inhalte. Oft sind es Beobachtungen gesellschaftlicher Konflikte, Gepflogenheiten oder zwischenmenschlicher Verfehlungen, die ich in ihrer Komplexität betrachte und nicht auf eine einzige Lesart reduzieren möchte. Dafür finde ich eine Bildsprache, die narrativ, aber nicht eindimensional ist. Verschiedene Lesarten und Interpretationen mag ich sehr, weil sie auch meinen eigenen Blick herausfordern. Die Motive unterscheiden sich dabei stark voneinander. Dropping Knowledge etwa ist Ausdruck meiner Irritation über das (Miss-)Verstehen im ländlichen Raum und erzählt von Isolation bei gleichzeitigem Wunsch nach Teilhabe. it matters und who cares zeigen Vorstellungen temporärer solidarischer Gemeinschaften – auf der Couch und im Tonstudio. Sie bilden ein intensives Miteinander ab, eingebettet in einen größeren gesellschaftlichen Kontext. ... and again ist in der Edition noch stärker geraten als in der großformatigen Malerei. Hier habe ich mit der Figur des Glitches gespielt, einer Figur aus der digitalen Welt: ein Fehler im System, eine Störung. Durch die Farbreduktion und Überlagerung ziehen sich die Figurenkonstellation im Hintergrund und der Glitch zu einer Figur zusammen, aus der die auf allen Vieren stehende, gleichzeitig empowerte und vulnerable Person hervortritt.
Kaj Osteroth
1977 geboren in Beckum,
lebt und arbeitet in Brandenburg