Felipe Romero Beltrán
B-Reihe, 403. Wahl, III. Quartal 2026
Aus dem Fluss der Zeit
Felipe Romero Beltrán, geboren 1992 in Bogotá, Kolumbien, studiert Visual Arts in Buenos Aires, Argentinien. Es folgt ein Studium der Photographie an der Complutense Universität in Madrid, das er 2024 mit einer Doktorarbeit über das dokumentarische Bild abschließt. Seine Arbeiten werden in internationalen Ausstellungen gezeigt, unter anderem 2023 in einer Einzelausstellung im Amsterdamer FOAM Museum. In Hamburg ist er 2025/26 in zwei Gruppenausstellungen der Deichtorhallen vertreten, in denen die griffelkunst auf ihn aufmerksam wurde.
In multimedialen Langzeitprojekten beschäftigt sich Felipe Romero Beltrán mit politischen Realitäten wie der Migration und ihren Folgen. Die in der Serie Bravo (2021–2024) porträtierten Menschen haben die Grenze in die USA noch nicht überschritten. Sie leben auf der mexikanischen Seite des Rio Bravo (Rio Grande) in unmittelbarer Nähe der USA. Von dem 3.000 Kilometer langen Fluss haben ca. 1.100 Kilometer die Funktion einer Grenze. Das Gebiet entlang des Flusses ist zu einem Ort des Übergangs für Migrantinnen und Migranten geworden, die oft weite Wege aus verschiedenen Ländern Südamerikas auf sich nehmen, um dort hinzugelangen – ohne zu wissen, wie es von dort aus weitergehen wird. In Romero Beltráns visueller Erzählung ist der Fluss der Protagonist, der das Leben der Menschen prägt, ohne selbst im Bild zu erscheinen. Durch karge Innenansichten, eindringliche Porträts und von Narben gezeichnete Landschaften hält »Bravo« den Schwebezustand der Migration fest, in dem die Menschen – teils über Jahre hinweg – im Schatten einer ungewissen Überquerung ausharren. Das Interview führte Stephanie Bunk im Juli 2026 per E-Mail.
griffelkunst: Du hast über viele Jahre an einem Abschnitt von etwa 270 Kilometern an deiner Serie über den Rio Bravo gearbeitet. Was hat dich an der Region interessiert?
Felipe Romero Beltrán: Anfangs war meine Verbindung zu der Region sehr persönlich. Ich hatte dort enge Freunde, mit denen ich Zeit verbrachte. Was sich zunächst wie eine Abfolge von Besuchen anfühlte, entwickelte sich allmählich zu einer beständigen Form der Betrachtung. Mir wurde zudem bewusst, dass mir diese Grenzlandschaft – obwohl ich in Kolumbien aufgewachsen war – auf seltsame Weise vertraut war. Der Norden Mexikos ist seit Langem von der Migration in die und aus den USA sowie von deren vielfältigen kulturellen Spuren geprägt. Das hört man in der Musik, in den Akzenten, in alltäglichen Redewendungen. Sogar im Essen zeigt es sich. Aus diesem Austausch erwächst eine kulturelle Kontinuität, die weit über die politische Grenze hinausreicht.
griffelkunst: Grenzen sind ein wiederkehrendes Thema in deinem Werk. Es fällt auf, dass du die geographische Grenze, den Rio Bravo, nur selten zeigst. Wie hast du dich dem Thema angenähert?
Felipe Romero Beltrán: Im Laufe der Zeit habe ich begonnen, mich für den Rio Bravo nicht bloß als geopolitische Grenze zu interessieren, sondern als einen Raum des Übergangs. Anstatt einer starren Trennlinie fungiert er als ein Zwischenraum, in dem Identitäten, Wirtschaftsformen und Arten der Landschaftsnutzung ständig neu ausgehandelt werden. Besonders geprägt hat mich Gloria Anzaldúas Konzept der »Borderlands« – jener Grenzregionen als Räume der Hybridität und des stetigen Wandels, in denen Kulturen einander überlagern, aufeinanderprallen und neue Formen der Zugehörigkeit hervorbringen. Diese Sichtweise lenkte meinen Blick weg von der Grenze als Endpunkt hin zur Landschaft selbst: einem Ort, an dem die Grenze kein außergewöhnliches Ereignis darstellt, sondern zum Alltag gehört.
griffelkunst: Deine Serie Bravo ist sehr umfangreich. Unter anderem ist daraus ein Buch entstanden, in dem du deine Photographien in drei Kapitel einteilst: Interieurs, Porträts und Landschaften. Diese bauen aufeinander auf, wodurch eine stille, erzählerische Dramaturgie entsteht. Wie bist du bei der Auswahl für die sechs Photos deiner Edition vorgegangen?
Felipe Romero Beltrán: Die sechs Photographien wurden so ausgewählt, dass sie einige der stärksten Bilder des Projekts repräsentieren und zugleich deren weniger offensichtliche Qualitäten offenbaren. Anstatt als Zusammenfassung zu dienen, sollte die Auswahl einen Eindruck von der Bandbreite und Komplexität der Arbeit vermitteln. Gleichzeitig besitzt jedes Bild eine visuelle Eigenständigkeit. Jede Photographie sollte für sich stehen können und dennoch in der Zusammenschau mit den anderen eine Resonanz erzeugen. Die Auswahl umfasst zudem Bilder aus den drei Kapiteln des Buches und bewahrt so die unterschiedlichen Rhythmen und Perspektiven, die das Projekt strukturieren. Einige der Photos stechen als Ausnahmen innerhalb der Serie hervor. So sind die Aufnahmen von Nina und Dominick die einzigen, bei denen die porträtierte Person deutlich auf Distanz gehalten wird und fast mit dem Hintergrund verschmilzt, anstatt den Vordergrund einzunehmen. Dieser Perspektivwechsel eröffnet einen neuen Zugang zur Bildgestaltung und verdeutlicht, welche Rolle die visuelle Ebene für die politische Aussage des Projekts spielt.
Felipe Romero Beltrán
1992 geboren in Bogotá, Kolumbien,
lebt und arbeitet in Paris, Frankreich