Claus Georg Stabe
Einzelblätter E 632 | E 633
Visuelle Echos
von Stephanie Bunk
Claus Georg Stabes Griffelkunst-Serie Secrets from the Essence Chamber war bei unseren Mitgliedern sehr beliebt. Ein Motiv daraus hat in unser Buch Vielfalt als Stellvertreter für das Jahr 2021 Einzug gehalten. Damals hat der Maler mit seinem bevorzugten Zeicheninstrument Kugelschreiber direkt auf den Stein gezeichnet. Dessen fetthaltige Tinte verhält sich genauso wie Litho-Tusche. Nur die Auswahl an Farben ist im Druck um ein Vielfaches größer, als die gewohnten Minenfarben, sodass die sechs Blätter der Edition eine Auswahl aus einer großen Anzahl von Drucken darstellen, die sich in der Farbgebung und der Abfolge der Druckformen unterscheiden.
Die beiden Einzelblätter Shadows in a Frame stellen die Fortsetzung der im Prozess angelegten Zusammenarbeit zwischen Claus Georg Stabe und dem Drucker Thomas Franke in seiner Leipziger Werkstatt stein_werk. dar. Dieses Mal hat der Künstler sich für den Siebdruck entschieden. Den Ausgangspunkt bilden Kugelschreiberzeichnungen, die er zerschnitten und wie ein Puzzle neu zusammengesetzt hat. Dabei arbeitet er gerade nicht passgenau, sondern experimentiert mit Überlagerungen, Wiederholungen und Leerstellen. Diese Collagen hat Stabe für die Edition in ein Graustufenraster umgewandelt und auf Folie ausgedruckt. In der Werkstatt entwickelt er aus diesem Material neue Collagen, indem er, wie zuvor die Zeichnungen, auch die Folien »sampelt«. Damit nicht genug, greift er in den Belichtungsprozess der Folien auf dem Sieb ein. Dafür verwendet er Papierschnitte, die eine besondere Geschichte haben. Sie sind während der Vorbereitung von aktuellen Gemälden entstanden, für die Stabe Vorzeichnungen mit Füller im Postkartenformat geschaffen hat. »Diese waren im Ansatz schon unterschiedlich zu den Kugelschreiberzeichnungen, freier im Ton und erzählerischer. Daraus bediente ich mich und vergrößerte sie für die Cutout Siebabdeckungen. Wir kombinierten wieder, experimentierten, spielten mit verschiedenen Ebenen, Reihen- und Farbfolgen. Den Drucken ist dadurch ein Übergang von der Linienzeichnung zur Malerei innewohnend. Der Titel Shadows in a Frame spielt teilweise darauf an, auf das Flüchtige und den Übergang«, wie Claus Georg Stabe den Entstehungsprozess seiner Edition beschreibt.
Der Eindruck des Flüchtigen wird durch die Größe des Rasters verstärkt, an der er lange gefeilt hat. Ab einer gewissen Größe lösen sich die ursprünglichen Linien der Zeichnung auf und werden zu Flächen von unterschiedlicher Form, wie Lichtpunkte oder Schatten, die im freien Raum – oder im Rahmen – tanzen. Das Bild beginnt sich aufzulösen wie im Traum. Je näher man ihm kommt, desto stärker verschwimmt es, bis nur noch eine vage Erinnerung an das Geträumte oder Gelebte zurückbleibt. Die beiden Einzelblätter reflektieren Claus Georg Stabes Umgang mit dem Medium Malerei, indem sie bestehendes Material zitieren und wie verzerrte Bilder aus der Erinnerung auftauchen lassen. Der zunächst formalistische Umgang mit eigenem Material schafft Raum für ein malerisches Ergebnis, das offen ist für Assoziationen.
C-Reihe / 383. Wahl
III. Quartal 2021
Lithographie
48,0 × 37,5 cm
Secrets from the Essence Chamber
1. ohne Titel
2. ohne Titel
3. ohne Titel
4. ohne Titel
5. ohne Titel
6. ohne Titel
Papierqualität: 270 g/qm Zerkall Bütten Alt Meißen
Druck: Thomas Franke, stein_werk., Werkstatt für lithographie & buchdruck, Leipzig
Kaleidoskopien
von Stephanie Bunk
Neben großformatigen Gemälden sind es vor allem Zeichnungen, die Claus Georg Stabes Werk ausmachen. Er zeichnet bevorzugt mit Kugelschreiber, sodass durch die Technik und die Auswahl möglicher Farben ein strenger Rahmen gesetzt wird. Innerhalb dieser Parameter entwickelt Stabe allein durch Wiederholung und Variation, durch Schichtung und Auslassung einen eigenen Bildkosmos. Zwar setzt der Künstler Schablonen und Lineale ein, um seine Linienfelder aufs Papier zu bringen. Doch er reagiert beim Zeichnen auch auf äußere Einflüsse, etwa Musik. Wie ein Seismograph zeichnet der Kugelschreiber feinste Schwingungen und Veränderungen in der Stärke des Drucks auf, die sich in der Strichbreite niederschlagen. Auch dem Fehler kommt in Stabes Strategie Bedeutung zu. Er imitiert zeichnerisch Fehldrucke, wie man sie von Kopierverfahren kennt, etwa Schlieren oder Leerstellen, die im krassen Gegensatz zu seiner präzisen Arbeitsweise stehen. Gerade dieses gewollte Abweichen unterstreicht die Perfektion seiner geometrischen Zeichnungen, die durch das Arbeiten in Zeilen auch an Ausdrucke oder Kopien erinnern. Auf diese Weise reflektiert Claus Georg Stabe auch die Zeichnung als Medium der Repräsentation, das er an seine Grenzen führt.
Die Edition für die griffelkunst ist in enger und kreativer Zusammenarbeit mit dem Leipziger Drucker Thomas Franke entstanden. Claus Georg Stabe beschreibt sie so: »Die Serie als Ganzes heißt Secrets from the Essence Chamber. Das ist eine von 365 Tagesbezeichnungen aus dem Universal Solar Calendar des US-amerikanischen Avantgardekünstlers Angus MacLise. Ich habe den Titel gewählt, da er am Ende gut die Arbeitsweise, Entstehung und Vielfalt dieser Litho-Serie wiederspiegelt. Wir hatten ja einen recht umfangreichen Druckprozess mit wahnsinnig vielen Einzelvarianten angeschoben. Es waren gewissermaßen Grundrezepte, die mit unterschiedlichen Essenzen versetzt und zudem auch untereinander kombiniert wurden. Dabei spielten dann die Druckreihenfolge, die Farbtöne, Wiederholungen von Druckschichten und die Zeit eine wesentliche Rolle.«
Dass die entstandenen Drucke den Originalzeichnungen sehr nahekommen, liegt vor allem daran, dass Claus Georg Stabe die Motive der Edition direkt mit Kugelschreiber auf den Stein zeichnen konnte. Damit blieb sein bevorzugtes Zeichenmittel erhalten, die Auswahl an Farben war nun aber um ein Vielfaches größer. In tagelangen »Seccions« sind unzählige Drucke entstanden, aus denen der Künstler sechs für die Griffelkunst-Edition ausgewählt hat, die verschieden genug sind, gemeinsam aber eine gewisse »Musikalität« entfachen. Jedes einzelne Motiv setzt sich aus drei Bildebenen zusammen, die in Airbrush-Technik gesprüht und mit Kugelschreibern gezeichnet wurden: einem Fonds, einem Mittelteil und einer oberen Ebene. Alle Blätter sind dementsprechend von drei Steinen gedruckt, eines sogar von vier. Final wurden acht Lithosteine in verschiedenen Kombinationen eingesetzt, sodass sich einzelne Formen in Variationen wiederholen. »Die Blätter entstanden in einem Prozess, in dem kleine Fundstücke in einem vorhergehend gedruckten Blatt zu einem neuen Blatt beitrugen und dieses dann auch ausmachten«, wie der Künstler die Entwicklung der Serie beschreibt. Wie in einem Kaleidoskop setzen sich die Elemente in jedem Druck neu zusammen, ermöglichen neue Durchblicke oder verdichten sich zu räumlichen Landschaften. Motivisch geht es Stabe dementsprechend nicht um Konkretes, sondern vielmehr um Facetten und Zustände, um Ableitungen und Verfremdungen und vor allem um das Experiment.
Claus Georg Stabe
1984 geboren in Lauchhammer, lebt und arbeitet in Berlin und Leipzig