griffelkunst

Annette Kelm

384 C1
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384 C Mappe
384 C Mappe

C-Reihe / 384. Wahl

IV. Quartal 2021

Photographie im Inkjet-Print

Travertinsäulen, Recyclingpark Neckartal
1. ohne Titel
48,3 × 32,9 cm / 40,7 × 30,5 cm
2. ohne Titel
48,3 × 32,9 cm / 40,7 × 30,5 cm
3. ohne Titel
32,9 × 48,3 cm / 30,5 × 40,7 cm
4. ohne Titel
48,3 × 32,9 cm / 40,7 × 30,5 cm
5. ohne Titel
32,9 × 48,3 cm / 30,5 × 40,7 cm
6. ohne Titel
48,3 × 32,9 cm / 40,7 × 30,5 cm
7. ohne Titel
48,3 × 32,9 cm / 40,7 × 30,5 cm

Papierqualität: 250 g/qm Tecco Pl Luster

Druck: gOdigital, Lab for Finest Digital Printproductions, Berlin

Zeitschichten

von Jens Asthoff

Photographie von Annette Kelm ist sachlich, klar und oft von nüchterner Schönheit. Das Dokumentarische steht darin neben dem Inszenierten. Bildnerisch argumentiert Kelm im Gestus eines scheinbar reinen Zeigens. Darin steckt aber zugleich ein besonderer Sinn – oft meint man, geradezu ein Spürsinn – für die Inszenierung, für Ungesagtes und unterschwellig Präsentes, für Brüche in der prätendierten Sachlichkeit. Solche Momente von Inszenierung sind in ihren Bildern latent, manchmal auch offenkundig historisch konnotiert. Kelm hat sich künstlerisch immer wieder mit Themen wie Archiv, Dokumentation und Geschichtsschreibung auseinandergesetzt, die Beschäftigung mit Präsentation und Repräsentation von Geschichte ist ein prägender Teil ihrer Arbeit.

Das gilt auch für Kelms siebenteilige Griffelkunst-Edition Travertinsäulen, Recyclingpark Neckartal (2019/21). Die Bilder zählen erkennbar zum Zweig der Architektur- und Landschaftsdarstellung in Kelms Werk. Und auch hier zeigen sich fließende Übergänge von Sachlichkeit und Inszenierung, formal vergleichbar mit Kelms Architekturbildern zu frühen Fertighäusern oder Marie-Antoinettes ästhetisierter Rural-Architektur in Versailles. Doch thematisch sind sie anders verortet, gehören in den Kontext von Kelms Beschäftigung mit dem deutschen Nationalsozialismus. Die Photoserie Travertinsäulen, Recyclingpark Neckartal zeigt ein seltsames Setting riesiger dorischer Steinsäulen, die inmitten einer komplexen Industrieanlage herumstehen, aufgereiht wie anachronistische Fundstücke. Erneut ist es Kelms photographische Nüchternheit, die das Befremdliche, geradezu Unglaubliche dieser Bilder triggert. Sie photographierte das Sujet aus unterschiedlichen Distanzen und Blickwinkeln, interessierte sich offenbar für unterschiedliche Dimensionen und Überlagerungen der heterogenen Architekturstile. Kompositorisch präzise erfasst, erscheinen auf den Photos alle Elemente seltsam verstellt, verschachtelt, deplatziert. Und dass hier nichts wirklich passt, hat, eben, eine Geschichte: Die 14 monumentalen Säulen, 15 Meter hoch, waren in Stuttgart-Bad Cannstatt für ein riesiges Mussolini-Monument angefertigt worden, das Albert Speer ab 1939 für den Berliner Theodor-Heuss-Platz (damals Adolf-Hitler-Platz) plante. Die Säulen wurden jedoch nicht mehr ausgeliefert, blieben nach dem Krieg, bestellt und nicht abgeholt, im Travertin-Steinbruch der Firma Adolf Lauster& Co. liegen. Die erwarb sie später von der Stadt Berlin und stellte sie in heutiger Formation auf, womöglich zu Werbezwecken. Als der Steinbruch 1984 stillgelegt wurde und an ein Recycling-Unternehmen ging, kaufte dieses die Säulen quasi als Altlast mit. Im Laufe der Jahre wurde das Industriegelände um die unverrückbaren Säulen herum immer wieder erweitert. Sie stehen heute unter Denkmalschutz, sind aber nicht offiziell als Denkmal ausgeschildert. Kelms Serie dokumentiert und inszeniert zugleich einen Ort vielfältiger geschichtlicher Verwerfungen, deren Ausläufer unmittelbar in die Gegenwart reichen. *

* Die Arbeit Travertinsäulen, Recyclingpark Neckartal birgt auch biographische Aspekte, sie stehen immerhin in Kelms Heimatstadt Stuttgart. Sie schreibt, sie habe „noch Kindheitserinnerungen [daran], wie ich mit meiner Mutter im Auto an den Säulen vorbeifahre.“ Diese tauchen „abrupt auf, wenn man auf der Schnellstraße unter der Müllverbrennungsanlage hindurchfährt“. Kelm berichtet weiter, sie habe in diesem Zusammenhang „das erste Mal […] bewusst vom Nationalsozialismus gehört.“
E-Mail an den Autor vom 2.9.2021

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Annette Kelm

geboren 1975 in Stuttgart,

lebt und arbeitet in Berlin