Anna Nero
B-Reihe, 404. Wahl, IV. Quartal 2026
Zwischen Yin und Yang
Kann abstrakte Kunst humorvoll sein? 04 Anna Nero zeigt in ihren Arbeiten, dass sie es kann. Ihre Malerei bewegt sich zwischen Abstraktion und Figuration. Auf präzise und zugleich spielerische Weise arbeitet sie mit Farbe und Form. Gegenstände treffen auf geometrische Körper, organische Formen auf graphische Konstruktionen. Aus diesem Spannungsverhältnis entstehen Kompositionen, die klar konstruiert erscheinen und zugleich etwas Überraschendes und Unberechenbares entfalten. Es ist ein feiner Bildwitz, der Neros Arbeiten ihre besondere Leichtigkeit verleiht. Wir haben die Künstlerin eingeladen, ihre Malerei in die Druckgraphik zu übersetzen. In einem E-Mail- Interview mit Brigitte Bedei erzählt Anna Nero im August 2026, wie sie dafür ihre Farbpalette reduzieren musste. In ihrer Serie spielt sie insbesondere mit unserer räumlichen Wahrnehmung: Eine orangefarbene Kugel fliegt durch einen Hohlraum. Das klassische Yin und Yang-Motiv verwandelt sich in zwei fallende Tropfen, und was zunächst wie ein Schatten aussieht, könnte ebenso gut ein Loch sein.
griffelkunst: Anna, du warst im letzten Jahr unsere Stipendiatin in der Druckwerkstatt von Ellen Sturm-Loeding in Hamburg und hast dich mit der Lithographie beschäftigt. Was hat dich an dieser Technik besonders interessiert, und wie verändert das Medium deine Motive und Arbeitsweise im Vergleich zur Malerei?
Anna Nero: Mich hat Lithographie schon immer gereizt, aber ich habe mich lange nicht rangetraut. Im Jahr 2021 dann das erste Mal bei stein_werk in Leipzig. Während meines Stipendiums in der Druckwerkstatt von Ellen konnte ich dann noch tiefer einsteigen. Ich musste mich, im Gegensatz zur Malerei, auf das graphische Element meiner Arbeit zurückbesinnen. Aber das war kein Problem, mein Vater war klassischer Werbegraphiker in der Sowjetunion, und ich hatte so ein »back to the roots«-Gefühl.
griffelkunst: Für die Edition hast du mit einer reduzierten Farbpalette gearbeitet. Welche Rolle spielt Farbe generell für dein Werk?
Anna Nero: Eine große! Aber sie ist auch der intuitivste, unkontrollierbarste Teil meiner Arbeit. Wenn man die Farbe reduziert, bleibt eher das Narrativ oder der »Bildwitz«. Bei der Edition musste ich mich oft fragen: Funktioniert das überhaupt mit nur zwei Farben?
griffelkunst: Die Lithographie verlangt eine andere Arbeitsweise als die Malerei. Hat dich die Technik während der Arbeit an der Edition zu neuen Bildideen geführt?
Anna Nero: Definitiv. Das ist für mich ein spannender Teil der Bildfindung: Man fängt irgendwo an – in meinen Bildern sind es oft Grids, Muster oder Raster – und lässt sich dann vom Prozess führen. Bei der Edition für die griffelkunst habe ich mich zunächst an existierenden Malereien orientiert, herausgekommen ist aber jedes Mal etwas ganz anderes. Das liegt auch daran, dass ich mich farblich stärker beschränken musste und dadurch vieles neu gedacht und entwickelt habe.
griffelkunst: Elemente, die in deiner Edition auftauchen, kennt man auch aus deiner Malerei: Tropfen, Kugeln oder organische Gebilde treten wie eigenständige Figuren im Bildraum auf. Sie scheinen zu schweben, sich zu gruppieren, sich anzuziehen oder voneinander abzustoßen. Wie entstehen deine Bilder? Arbeitest du mit Skizzen oder entwickelt sich ein Bild eher im Prozess?
Anna Nero: Ich arbeite nicht mit Skizzen, denn das nähme dem Ganzen etwas von der Spannung und dem Wagnis. Die einzelnen Elemente haben sich über die Jahre entwickelt. Manchmal erinnern sie an Spielzeug, Sextoys oder technische Geräte. So richtig funktional sind sie aber nie. Nach wie vor ist mir wichtig, wie sie auf der Leinwand miteinander interagieren und in Dialog treten. Dadurch kommt auch etwas Witziges und Albernes in die Malerei – fast so, als hätten die Dinge ein eigenes Leben oder sogar eine eigene Agenda.
griffelkunst: Humor und der spielerische Umgang mit Formen sind zentral in deinem Werk. Welche Rolle spielen Komik und Irritation in deinen Bildern?
Anna Nero: Humor ist mir sehr wichtig. Abstrakte Malerei bekommt sehr schnell etwas Bierernstes. Das fand ich schon immer langweilig und auch ein bisschen veraltet. Einerseits hat meine Arbeit etwas Strenges und Systematisches, demgegenüber steht aber die Komik, die durch das Zusammentreffen einzelner Elemente entsteht. Oft verstärke ich diesen Aspekt noch durch die Titel der Arbeiten. Sie beziehen sich häufig auf Popkultur, Memes oder Musik und eröffnen dadurch noch eine weitere Ebene.
Anna Nero
1988 geboren in Moskau, Sowjetunion,
lebt und arbeitet in Frankfurt am Main