Aneta Kajzer
A-Reihe, 403. Wahl, III. Quartal 2026
In der Schwebe
von Brigitte Bedei
Was zunächst wie ein Spiel aus Farben und Formen erscheint, nimmt bei Aneta Kajzer immer wieder überraschende Gestalt an: Aus pastellfarbenen Verläufen und gestischen Pinselspuren tauchen geisterhafte, traumartige oder auch humorvolle Figuren auf. Landschaften und Tiere zeichnen sich ab, formieren sich und lösen sich kurz darauf wieder auf. So entstehen vielschichtige Bildwelten, die zwischen Vertrautem und Unbestimmtem schweben. Kajzers Malerei bewegt sich dabei zwischen gestischer Malerei und Gegenständlichkeit.
Ihre Werke entstehen ohne Vorzeichnung unmittelbar auf der grundierten Leinwand, die für den Malprozess auf dem Boden liegt. Zu Beginn steht noch nicht fest, welche Ausrichtung das Bild später haben wird. Mit stark verdünnter Ölfarbe oder direkt aus der Tube gedrückter Farbe legt die Künstlerin erste Farbspuren an, lässt sie verlaufen, verdichten oder ineinanderfließen. Im Wechsel zwischen Beobachten und Reagieren folgt sie den Formen und Assoziationen, die sich während des Malens herausbilden. Figuration ist dabei nicht Ausgangspunkt, sondern entsteht erst im Verlauf der Bildfindung, die gleichermaßen von Zufall und bewussten malerischen Entscheidungen geprägt ist. Der Malprozess hält Formen und Bedeutungen bewusst in der Schwebe. Ein scheinbar zufälliger Farbverlauf kann sich durch wenige gezielte Pinselstriche in ein Gesicht oder eine Figur verwandeln. Gleichzeitig bleiben ihre Bilder offen für die Fantasie der Betrachtenden: Jede Person entdeckt andere Wesen, Formen oder Geschichten.
Anregungen für ihre Bilder findet die Künstlerin im Alltag ebenso wie in der Kunst und visuellen Kultur. Überraschende Farbkombinationen, beiläufige Beobachtungen sowie Einflüsse aus der Welt des Comics finden Eingang in ihre Malerei und verbinden sich in eine eigenständige Bildsprache. Die Anregungen dienen nicht als Vorlagen, sondern werden Teil eines offenen malerischen Prozesses, in dem sich die Bildwelten erst entfalten und ihre eigene Logik entwickeln.
Diese Arbeitsweise überträgt Aneta Kajzer auf die für die griffelkunst entstandene Folge von sechs Farblithographien, die sie in enger Zusammenarbeit mit dem Leipziger Drucker Thomas Franke von stein_werk umgesetzt hat. Vorausgegangen sind Experimente mit Lithotusche, denn auch im druckgraphischen Verfahren soll Farbe fließen und sich frei auf der Druckform entfalten. Lithotusche wurde mit Benzin so verdünnt, dass sie in Schlieren über den Lithostein verlaufen konnte. Neben gestischen Pinselspuren entstanden fließende Formen, die im Zusammendruck mehrerer Steine zum Bild werden. In drei Lithographien, Kleiner Fisch im großen Teich, Bergsteigerin und Aquatic Friends, bilden pastellfarbig angelegte Farbverläufe den Bildgrund, auf den weitere Druckformen gesetzt sind. Aus diesem Zusammenspiel treten Gesichter mit markanten Augen und Haarformen, Tiere oder sogar eine schwebende Bergsteigerin hervor. Auch in den drei weiteren Blättern dominieren malerische Farbflächen in Rosa und Gelb. Darüber ziehen gestische Spuren in Pink, die im Zusammenspiel mit roten Schlieren ein spielerisches Ghost Game in Gang setzen, bei dem sich fortwährend neue Figuren und Formen zeigen. Die Titel geben erzählerische Anstöße, ohne Bedeutungen festzulegen. Ein Titel wie Aquatic Friends genügt, und plötzlich scheint ein Delfin aus den Wellen zu springen oder ein kleiner Fisch zieht seine Runden im großen Teich. Alles befindet sich im Schwebezustand, löst sich auf und formiert sich beim Betrachten fortwährend neu. Darin liegt die besondere Qualität sowohl der Edition als auch von Aneta Kajzers Malerei.
Aneta Kajzer
1989 geboren in Katowice, Polen,
lebt und arbeitet in Berlin