griffelkunst

Henrik Eiben

Einzelblätter E 634|E 635

E 636 Icelandic Midnight 80,0 × 60,0 cm / 55,0 × 42,0 cm
E 636 Icelandic Midnight 80,0 × 60,0 cm / 55,0 × 42,0 cm
E 637 Fehmarn Blue 80,0 × 60,0 cm / 70,0 × 50,0 cm
E 637 Fehmarn Blue 80,0 × 60,0 cm / 70,0 × 50,0 cm

Alles in Bewegung

von Brigitte Bedei

Als Zeichner, Maler und Objektkünstler ist Henrik Eiben ein Meister darin, unterschiedliche Materialien und Texturen miteinander zu verbinden und in ein spannungsvolles Verhältnis zu setzen. Glas trifft auf Holz und Stoff, dichte Strukturen auf offene Flächen. Häufig entsteht die Dynamik in Eibens Arbeiten nicht aus einer streng festgelegten Ordnung, sondern aus dem Zusammenspiel von Gegensätzen. Die einzelnen Elemente bewahren ihre Eigenständigkeit und scheinen sich dennoch fortwährend neu zueinander zu verhalten.

In seiner Serie Ventura 1–6, die Eiben 2020 für die griffelkunst entwickelt hat, führt der Künstler Hoch- und Tiefdruck zusammen und erkundet im experimentellen Zusammenspiel die Möglichkeiten des Mediums. Wir haben ihn eingeladen, erneut druckgraphische Arbeiten für uns zu entwickeln. Zu einem ersten Andrucktermin in der Druckwerkstatt von Lars Dahms und Daniel Vogler in Wedel kommt der Künstler mit mehreren Druckstöcken, Sprühfarbe – und jeder Menge Lust am Experimentieren mit Farbe und Material im Gepäck. »I like to push the envelope« sagt Eiben, und lotet aus, was geht.

Direkt vor Ort entstehen zwei mehrfarbige Holzdrucke, die auf unterschiedliche Weise mit Fläche, Farbe und Bewegung spielen. In Fehmarn Blue arbeitet der Künstler mit einer blauen, zweigeteilten Fläche, in die Formen geschnitten sind, die im Druck als Leerstellen erscheinen. Die Struktur des Holzes bleibt sichtbar und verleiht der Fläche eine lebendige, haptische Qualität, die durch einen leichten Farbverlauf noch verstärkt wird. In einem zweiten Druckgang setzt Eiben einzelne farbige Formen in Rot, Orange, Türkis, Blau und Schwarz auf die Fläche. Sie passen so gar nicht in die ausgesparten Formen, sondern sitzen fast ungelenk und störrisch zwischen Leerstelle und Fläche. Unterschiedliche Formen, Größen und Richtungen erzeugen ein Spiel aus Balance und Spannung. Sie wirken gesetzt und zugleich in Bewegung, als könnten sie sich jederzeit neu ordnen.

Icelandic Midnight beginnt mit einer freien Geste: Henrik Eiben setzt mit Sprühfarbe zwei Farbflächen auf das Papier. Darüber druckt er eine kompakte, fast körperhaft anmutende Form in Melonengelb. Unter ihr scheinen sich die gesprühten Farbflächen auszudehnen und verleihen der Figur etwas Offenes und Fließendes. Die Bewegung wird verstärkt durch rosafarbene und hellblaue Elemente, die wie gestische Zeichen erscheinen. Interessant ist zu beobachten, wie Eiben während des Druckprozesses die Anordnung der Formen und die Wahl der Farben immer wieder verändert und so ein lebendiges Zusammenspiel entstehen lässt. Nicht nur die Formen geraten in Bewegung, auch die Komposition entsteht aus dem Machen und der Reaktion. Henrik Eiben formuliert: »Die beiden Drucke sind ein sehr gutes Beispiel meiner Arbeitsweise. Sie zeigen, wie experimentell ich auf die Kompositionen komme. Gerade Arbeiten auf Papier betrachte ich gerne wie ein ›visual Lab‹, in dem es keine Beschränkungen von vornherein gibt. Alles darf und nichts muss. Ich betrachte es vielleicht wie ein Jazzmusiker in einer Jazzsession. Wenn es zu einer künstlerischen Herausforderung kommt, dann improvisiert man, indem man zuhört, hinschaut, fühlt, reagiert und die Improvisation dann ein Teil der Komposition wird, die einen selber überraschen, bzw. neue Gedanken evozieren und andere Dinge oder Erkenntnisse in Frage stellen kann.« Die Titel Fehmarn Blue und Icelandic Midnight nehmen dabei geographische Bezüge auf: Eiben hält sich regelmäßig auf Fehmarn auf und war im Sommer auf Island. In den Arbeiten verbinden sich diese Orte und die mit ihnen verbundenen Stimmungen zu einer poetischen Chronologie.

B-Reihe / 379. Wahl
III. Quartal 2020

Holzdruck, Aquatinta

Ventura 1–6

1. Ventura 1
62,0 × 50,0 cm / 45,5 × 38,0 cm
2. Ventura 2
53,5 × 41,0 cm / 38,0 × 29,0 cm
3. Ventura 3
53,5 × 41,0 cm / 38,0 × 29,0 cm
4. Ventura 4
53,5 × 41,0 cm / 38,0 × 29,0 cm
5. Ventura 5
53,5 × 41,0 cm / 38,0 × 29,0 cm
6. Ventura 6
62,0 × 50,0 cm / 45,5 × 38,0 cm

Papierqualität: 250 g/qm Zerkall-Bütten Alt Bern
Drucker: Atelier für Druckgrafik, Wedel

Vom Glück neugierig zu sein

Die Werke von Henrik Eiben reichen von Malereien, zarten Papierarbeiten bis zu raumgreifenden Installationen. Häufig kombiniert er unterschiedliche Materialien und Techniken und testet im Entstehungsprozess die Grenzen des jeweiligen Mediums aus. So sind im produktiven Umgang mit reduzierten Formen und traditionellen druckgraphischen Techniken sechs farbige Blätter für die griffelkunst entstanden, die getragen sind von Gegensätzen: Schwere und Transparenz, Hoch- und Tiefdruck, Räumlichkeit und Leere.
Die Serie fasst der Künstler unter dem Titel Ventura (Glück) zusammen, da er es auf vielerlei Ebenen als großes Glück empfunden hat, diese Serie zu realisieren. Über seine Intention und Arbeitsweise hat Brigitte Bedei ein kurzes Interview mit dem in Hamburg lebenden Künstler geführt:

griffelkunst: Henrik, du bist Zeichner, Maler und Objektkünstler. Beschrieben wirst du als Materialjongleur und Talent für Texturen. Wie würdest du deine Arbeitsweise beschreiben?

Henrik Eiben: Mir geht es um den Raum und das Gefühl, wie man an ein Objekt herangeht. Dadurch werden die klassischen Formen der Skulptur, Malerei und Zeichnung immer wieder neu hinterfragt. Viele Arbeiten lassen sich gar nicht klassisch einordnen, sondern siedeln sich dazwischen oder über die Genres hinaus an. So wird Malerei zur Skulptur oder Skulptur zur Malerei oder eben etwas zwischen den Welten. Aber das darf jeder für sich entdecken.

griffelkunst: In deinen Arbeiten findet man ein fast spielerisches Austesten des jeweiligen Mediums, mit dem du arbeitest. Wir waren gespannt zu sehen, wie du die druckgraphischen Techniken einsetzen würdest. Wie war deine Arbeit in der Werkstatt? Welche Technik kam für deine Edition zum Einsatz?

Henrik Eiben: Daniel Vogler und Lars Dahms vom Atelier für Druckgrafik in Wedel waren mit ihrem Einfühlungsvermögen und ihrer Kompetenz die idealen Begleiter für dieses Projekt. Ich fühlte mich gut aufgehoben. Es kam in allen sechs Motiven eine Kombination aus Holzschnitt und Radierung mit Pinselätzung zum Einsatz.

griffelkunst: Diese Verbindung ist ungewöhnlich – aber in der Kombination fast charakteristisch für deine Arbeit. Wie würdest du die Eigenheiten dieser beiden Techniken beschreiben und wie setzt du sie ein?

Henrik Eiben: Beide Verfahren stehen ja in Kontrast zueinander. Das Tiefdruckverfahren, welches das Blatt stempelt und prägt und im Gegensatz das Hochdruckverfahren, welches sich hervorwölbt und aus dem Blatt heraussticht. Beide Verfahren zu vereinen war der Reiz, das Nicht-Festlegen auf eine Technik. Auch hier ist es die Synergie zwischen den Verfahren, die es so spannend macht.

griffelkunst: Auf deinen farbigen Blättern sehen wir überwiegend geometrische Formen, Abstraktion herrscht vor – dennoch wirken sie nicht streng durchkomponiert, sondern eher leicht, fast spielerisch. Entstehen deine Arbeiten intuitiv oder folgen Form und Farbe einem bestimmten System?

Henrik Eiben: Das System ist immer ein Gefühl oder ein innerer Impuls. Manchmal geht es sehr schnell – gelegentlich begleiten mich Themen auch über längere Zeiträume. Der Leichtigkeit geht immer ein Prozess des Ausprobierens vorweg und des Getriebenseins voran. Diese Art des Arbeitens erlaubt es dem Betrachter, sein eigenes Sehen in den Arbeiten zu entfalten.

Henrik Eiben

Henrik Eiben
geboren 1975 in Tokio, lebt und arbeitet in Hamburg