Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e.V.

<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>

Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst

<p>Jonathan Meese signiert in der Seilerstraße, Hamburg ©griffelkunst</p>
<p>Jonathan Meese signiert in der Seilerstraße, Hamburg ©griffelkunst</p>
<p>Jonathan Meese signiert in der Seilerstraße, Hamburg ©griffelkunst</p>

Jonathan Meese signiert in der Seilerstraße, Hamburg ©griffelkunst

<p>Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst</p>

Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst

<p>Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst</p>

Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst

<p>Stefan Marx in der Werkstatt Felix Bauer, Köln ©griffelkunst</p>
<p>Stefan Marx in der Werkstatt Felix Bauer, Köln ©griffelkunst</p>
<p>Stefan Marx in der Werkstatt Felix Bauer, Köln ©griffelkunst</p>

Stefan Marx in der Werkstatt Felix Bauer, Köln ©griffelkunst

Portfolio-Interview Nº7 – Yvette Kießling

Freiheit im Blick

griffelkunst: Die Arbeiten, die in deiner Ausstellung in der griffelkunst und im Portfolio zu sehen sind, nehmen ihren Ausgangspunkt an einer Flusslichtung direkt vor deiner Haustür. Du machst aber auch weite Reisen, etwa eine Wanderung auf Island. Worin liegt für dich der Unterschied, ob du auf Island oder vor der eigenen Haustür malst?

Yvette Kießling: Es ist Neugier, eine riesige Neugier. Gerne würde ich einmal tropischen Regenwald sehen. Ich erlebe jedes Mal eine Art Schaffensrausch, wenn ich etwas Neues einfangen kann. Ich muss eine ganze Weile Zeit einplanen, um mich auf die Gegebenheit und die Aura des Ortes einzurichten. Ich kann den Fluss nicht aus dem Gedächtnis heraus erfinden, das widerstrebt mir sehr. Ich habe eine große Sehnsucht danach, die Natur aufzunehmen und zu bearbeiten und scheue dabei wenig Aufwand.

griffelkunst: Inwieweit sind deine Bilder an eine bestimmte Landschaft gebunden? Sind es noch Naturstudien oder eher ein innerer Zustand, der dich interessiert? Oder ist es allein die abstrakte Bildgebung?

Yvette Kießling: Ich versuche, mich nicht so sehr auf meinen inneren Zustand, sondern auf das, was ich sehe, zu beziehen. Es ist schon eine Art Porträt, das versucht, das Wesenhafte dieser Landschaft herauszufiltern, zu kristallisieren und zu bündeln. Auf der anderen Seite interessiert mich immer eine abstrakte Flächenfindung. Ein Nebeneinandersetzen von Flecken. Beides ist eng gekoppelt und dazwischen halte ich mich auch malerisch auf. Also dieses genaue Erfassen ist der eine Pol, der andere ist das abstrakte Flächensetzen, über das man zu einer freieren Auffassung kommt. Das sind die beiden Ufer meiner Arbeit. Die Natur ist schon das zentrale Thema bis hin zur Bestimmung eines Baumes, aber ich nutze sie für mich als Arbeitsfläche. Für mich kommt beides perfekt zusammen.

griffelkunst: Welche Rolle spielt dabei die Druckgraphik? Deine Bilder sind sehr frei und leben stark von der Farbe, in der Druckgraphik ist es doch immer eine starke Einschränkung der Mittel. Was hat dazu geführt, dass die Druckgraphik für dich zu einem eigenständigen, spannenden Medium wurde?

Yvette Kießling: Die Druckgraphik ist für mich ein Experimentierfeld und völlig gleichwertig in meiner Arbeit. Die Radierung habe ich vor allem als Strichätzung für mich erobert und als »Outdoor«-Medium zu schätzen gelernt. Die Platten, die ich zum Beispiel auf meiner Island-Reise benutzt habe, waren sehr klein und gut transportabel. Und regnen kann es dann auch mal. Für kleine Arbeiten draußen ist es ein tolles Medium. Und noch dazu eins, wo ich die Farbe erst mal draußen lassen und mich rein auf die Formen und Strukturen innerhalb des Motivs konzentrieren kann. Die Lithographie war vor ein paar Jahren eine ganz große Entdeckung für mich. Anders als in der Malerei, wo ich Farben übereinander schichte, lasiere und wieder zurücknehme, muss ich mich hier auf einzelne Farben und ihre Wirkung übereinander konzentrieren. Es ist immer der Reiz da, noch weiter aufzubauen – am liebsten würde ich auch mal zwölf Farben benutzen. Aber durch die Beschränkung muss man sich sozusagen »selbst straffen«.

griffelkunst: Du hast gesagt, dass deine Malerei vor allem im Atelier entsteht. Bei der Druckgraphik verhält sich das ja anders. Du hast bereits Radierplatten mit in die Natur genommen. Für die Griffelkunst-Edition hast du dir sogar ein eigenes Boot angeschafft und die Lithosteine mit an Bord genommen. Brichst du damit deine eigenen Regeln oder machst du einen Unterschied zwischen Malerei und Druckgraphik?

Yvette Kießling: Auch die Lithos und die Radierungen beende ich im Atelier. Es ist so, dass ich den letzten Blick, die letzte Stufe oder die letzten Arbeitsschritte für mich in einem abgeschlossenen Innenraum mache. Ich beobachte sie dann gerne auch eine Weile bis zur endgültigen Entwicklung. Gerade jetzt bei den Lithographien für die griffelkunst habe ich es sehr gebraucht und genossen, sie ein paar Tage lang bei Thomas Franke in der Druckerei immer wieder anschauen zu können. Das Motiv wächst langsam heran und wird am Ende erst in der Druckerei oder im Atelier fertig. Ich habe auch im Skizzenbuch gezeichnet und Farbnotizen gemacht, die dann zum Einsatz kommen. Ich weiß nicht, ob ich eines Tages komplett draußen arbeiten werde, aber ich liebe auch das Atelier und die Möglichkeit, diese Ruhe zu haben.

griffelkunst: War es nicht ein erheblicher Aufwand für dich, den Stein vor Ort im Boot mit dabeizuhaben? Ist es ein so erheblicher Unterschied direkt auf dem Stein zu arbeiten?

Yvette Kießling: Es ist etwas vollständig anderes. Ich habe es ja schon die Jahre vorher so gemacht, dass ich die Steine rausgetragen habe. Ich habe durchaus auch am Ufer schon Lithographie gemacht. Auf dem Wasser habe ich eine noch größere Freiheit, noch mehr Blicke, noch mehr Möglichkeiten. Aber natürlich hat man auch das Schwanken. Es ist ein eigenartiges Arbeiten auf einem unfesten Körper. Körperlich spielt es eine Rolle. Gerade die Strukturen des Schwingens und Ineinanderfließens sind erst mit der Arbeit an der Griffelkunst-Edition entstanden. Das merke ich jetzt beim Malen, dass ich da Erfahrungen gemacht habe, die ich nutzen kann, sodass die Bilder vorher so nicht denkbar gewesen wären. Eine Strukturerfahrung. Ich habe bewusst keine Kreide eingesetzt, sondern mich ausschließlich auf Tusche beschränkt, um Struktur und den malerischen Umgang für sich wirken zu lassen. Es schwappt auch mal Wasser in das Boot, und es ist schon ein Aufwand, aber einer, der sich lohnt. Wie sich auch das Zeichnen vor der Natur lohnt. Es ist wesentlich unbequemer. Ich habe aber auch festgestellt, dass man durch diese Unbequemlichkeit Vorteile hat, nämlich in der Beschränkung: in der zeitlichen Beschränkung, in den Mitteln und in den Möglichkeiten. Gerade durch die Farbbeschränkung ist dann wiederum eine größere Freiheit innerhalb der einen Farbe möglich. Dieses Denken hilft mir jetzt in den Bildern. Also dass man aus einer Farbe heraus ein Grundgerüst, eine Grundfassung des Bildes erarbeiten kann – das ist für mich eine Entdeckung.

griffelkunst: Bist du nicht auch in der Perspektive sehr eingeschränkt, wenn du nur einen Lithostein mit an Bord hast? Du kannst dann auch nicht das Motiv verwerfen oder nochmal neu ansetzten, du musst dir deines Bildes bzw. des richtigen Ausschnitts schon sehr sicher sein.

Yvette Kießling: Ich male nicht direkt einen Ausschnitt. Oft male ich zwar so, dass ich in eine Richtung gucke, aber ich werfe durchaus einen Baum, den ich nicht gebrauchen kann, raus. Oder wenn dort eine Mauer steht und meine Grundidee ist eine andere, dann lasse ich diese weg. Das sieht man meinen Bildern am Ende vielleicht nicht an, aber es gibt von meiner Seite aus einen ganz bestimmten Umgang damit, Dinge rauszulassen oder auch hineinzunehmen.

griffelkunst: Deine aktuellen Arbeiten verbindet das Wasser, genauer gesagt der Fluss. Der Fluss beschäftigt dich in deiner Arbeit schon länger, die Lichtung am Ufer in der Nähe deines Zuhauses hast du über viele Jahre lang bearbeitet. Was reizt dich so daran?

Yvette Kießling: Wenn man in der Stadt lebt, ist die Uferzone einer der wenigen Bereiche, die nicht vom Menschen besetzt werden kann und dadurch bei der abstrakten Formfindung alle Möglichkeiten offenlässt. Deswegen habe ich diesen Raum für mich entdeckt. Ähnlich wie die Industriebrachen in der Stadt, die ich vorher gemalt habe. Der Fluss ist aber eine größere Entdeckung für mich, weil man es mit zwei Aggregatzuständen zu tun hat: Einmal das feste Ufer, also relativ fest, denn es bröckelt natürlich tendenziell durch die Unterspülung des Wassers, und das Wasser als das andere Element. Da entsteht sehr viel an Spannung und an Möglichkeiten.
Mich interessiert auch sehr, wie ein Fluss beschaffen ist. Im Spreewald zum Beispiel ist es ein völlig anderer Flussraum als an der Elbe. Es sind kleinste Bächlein, die auf gleicher Ebene wie das Grasland angesiedelt sind. Man hat das Gefühl, durch ganz kleine Tunnel zu fahren, wie durch kleine Zimmer. Auf der Elster in Leipzig sind es – von der Größe her übertragen – eher Wohnzimmer. Und die Elbe ist ein großer Strom, vielleicht wie eine große Halle, man kann die unterschiedlichen Erfahrungen eigentlich nicht übertagen. Im Spreewald hatte ich das Glück, dass ich den Bootsführer, den sogenannten Staker, als Modell nutzen konnte – er taucht in dem einen Blatt der Griffelkunst-Serie auf. Das hat mich so fasziniert, dass ich mich entschlossen habe, jetzt auch in meiner Malerei den Menschen nach vielen Jahren wieder auftauchen zu lassen. Auch in der Ausstellung gibt es zwei Bilder mit einer Figur zu sehen. Ich selbst bin sehr neugierig, wie diese Entwicklung nun weitergehen wird.


Yvette Kießling, geboren 1978 in Ilmenau, lebt und arbeitet in Leipzig. Das Interview führte Stephanie Bunk in den Räumen der griffelkunst am
9. September 2013.

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