Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e.V.

<p>Aufbau der Ausstellung von Kai Schiemenz im Kunstraum Seilerstraße, Frühjahr 2012 ©griffelkunst</p>
<p>Aufbau der Ausstellung von Kai Schiemenz im Kunstraum Seilerstraße, Frühjahr 2012 ©griffelkunst</p>
<p>Aufbau der Ausstellung von Kai Schiemenz im Kunstraum Seilerstraße, Frühjahr 2012 ©griffelkunst</p>

Aufbau der Ausstellung von Kai Schiemenz im Kunstraum Seilerstraße, Frühjahr 2012 ©griffelkunst

<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>

Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst

<p>Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst</p>

Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst

<p>Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition ©griffelkunst</p>
<p>Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition ©griffelkunst</p>
<p>Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition ©griffelkunst</p>

Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition ©griffelkunst

<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>

Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst

Portfolio-Interview Nº3 – Ruth May

Eine Welt aus Falten und Fragmenten

griffelkunst: In deiner Ausstellung im Kunstraum Seilerstraße sind großformatige Stoffarbeiten, Masken, Tusche- und Tattoozeichnungen zu sehen. Welches ist dein bevorzugtes Medium?

Ruth May: Ein bevorzugtes Medium gibt es eigentlich nicht. Ich sehe mich selbst immer als Zeichnerin, egal, in welchem Medium ich arbeite, auch bei den Stoffarbeiten. Ich stelle Fragen des Innen und Außen, nach der Konstitution von Körpern, Gestalten oder Figuren.
Ich taste mich meistens über die Zeichnung an ein Thema heran. Die Zeichnungen sind immer als Serien angelegt. Angefangen habe ich mit Bleistiftzeichnungen nach Photos von Menschen, die in viel Stoff gekleidet waren und deren Gestalt vom Faltenwurf bestimmt war. Ich habe an diesen Motiven zum Beispiel untersucht, wie Falten und Muster zueinander stehen und wie eine Figur entsteht. Später sind Zeichnungen auf Papier entstanden, das ich zusammen- und wieder auseinandergefaltet habe. Daraus haben sich die Stoffarbeiten entwickelt, denn ich konnte mich ja nicht die ganze Zeit mit Zeichnungen von Stoffen aufhalten und dann nicht auch mal mit Stoff arbeiten! Auch wenn ich kein Medium bevorzuge, haben die Stoffarbeiten doch eine Sonderstellung, weil sie meist am Ende einer Reihe von Zeichnungen stehen. Da fließen viele Arbeiten ineinander. Sie sind für mich wie ein Gemälde oder ein Bild, das für sich steht.

griffelkunst: Man merkt deinen Arbeiten eine Lust am Machen an. Gehst du mit einer fertigen Idee ans Werk oder ist deine Arbeit eher prozesshaft?

RM: Ganz selten habe ich mal eine Stoffarbeit gemacht, die ich nach und nach genäht habe. Meist gibt es eine Thematik, die mich interessiert, dann suche ich nach Vorlagen für die Motive – Photos aus Zeitungen, Büchern, Zeitschriften, oder Bilder quer durch die Kunstgeschichte – und dann wird gezeichnet, geklebt oder genäht. Trotzdem würde ich sagen, dass ich prozesshaft arbeite, weil ich im Laufe der Arbeit die Technik erst entwickle bzw. der Thematik anpasse, an der ich arbeite. Ich komme ganz klar vom Machen. Ich probiere gerne aus.

griffelkunst: Es ist sehr interessant, wie du mit Körperlichkeit umgehst, sei es in den Tattoozeichnungen, in den Stoffarbeiten oder in den Masken.

RM: Schon die Vorlagen, die ich für die Zeichnungen benutze, sind Abbildungen von Körpern oder Darstellungen von Raum. Ich versuche herauszufinden, welche Elemente vom Körper sich auf eine Bildfläche überführen lassen und was zeichnerisch nötig ist, um Körperlichkeit herzustellen, ohne den Körper vollständig zu erfassen. Da entsteht dann sowohl ein illusorischer Raum wie auch eine neues Gefüge von Zeichen und eine neue materielle Ebene.
Bei den Stoffarbeiten findet dann eine Rücküberführung von der Zeichnung auf Stoff statt, also in ein Material, das die Möglichkeit der Faltung oder Raum in sich trägt. Und ich muss klären, welche Technik zu welchem Motiv passt bzw. führt. Für die Tattoozeichnungen zum Beispiel habe ich lange nach der richtigen Form gesucht. Nach der Auseinandersetzung mit Stoffen, deren Texturen und Mustern habe ich in den Tätowierungen verwandte Probleme gefunden: Haut als Oberfläche und Grenze und eine Zeichnung, die sich in die Haut einschreibt, die ohne Haut nicht sein kann und mit der Haut altert. Ich habe schwarze Tusche gewählt, für mich ein neues Material, das fließt und kleckst, aber trotzdem präzise das Motiv der Tätowierung wiedergeben und vom weggelassenen Körper erzählen kann.

griffelkunst: Dein Interesse für Tätowierungen kommt also aus der Stoffarbeit. Spielen konkrete Inhalte oder der kulturelle Kontext eine Rolle bei den Tätowierungszeichnungen?

RM: Bei Tätowierungen kann man an den Motiven und an der Zeichnung erkennen, aus welchem kulturellen Kontext die tätowierte Person kommt. Mich interessiert eine bestimmte Art von Tätowierung, so eine Art »Old-School-Tätowierung«: Strichzeichnungen, möglichst keine Schattierungen. Ich mag die Motive, die wie Buchstaben oder Text auf der Haut funktionieren. Aber tatsächlich scheue ich mich davor, wenn es zu eindeutig zuzuordnen ist. Es geht mir um die Geschichte der Zeichnung, die in den Körper eingeschrieben ist, die der Person, die sie trägt, nur insofern, als dass sie im Laufe ihres Lebens genau diese Konstellation von Zeichnungen auf der Haut gesammelt hat.

griffelkunst: Du verwendest häufig Bilder als Vorlagen für deine Arbeit. Woher stammen diese Zitate?

RM: Ich habe immer viele Bilder gesammelt aus Zeitungen, Magazinen, Büchern aller Art. Wenn es um Stoffe geht, lande ich oft bei Kostümen, die zu Voodoo-Ritualen angezogen werden, Theaterkostümen und Folk-Art, aber auch bei religiösen Bildern, Ikonen oder Herrscherporträts. Da gibt es einfach wunderschöne Stoffe und eine bestimmte Inszenierung davon, und vor allem eine Bildtradition. Das Bild ist schon gestaltet, nicht nur durch den Maler, sondern auch durch die Darstellungskonventionen der Kunstgeschichte. Das heißt, ich suche nicht einen bestimmten Künstler mit seinen Eigenarten, sondern den Blick, die Art, wie etwas dargestellt wird.

griffelkunst: Wie gehst du mit den Bildvorlagen um, was interessiert dich daran?

RM: Mich interessiert zum Beispiel, wie Stoffvolumen, also Körper, zweidimensional dargestellt werden. Der Stoff, der unbearbeitet in gewissem Sinne etwas Zweidimensionales war und aus dem dann ein Gewand, ein Kleid gemacht wurde. Wie kriege ich das wieder zurück auf die zweidimensionale Fläche? Ich bin ja Zeichnerin, keine Stoffkünstlerin. Es geht mir immer darum, wie durch Material eine Bildfläche entstehen kann.

griffelkunst: Kannst du dein Vorgehen für »Elisabeth Farnese« beschreiben, die Stoffarbeit, die du für die griffelkunst gemacht hast?

RM: Die Vorlage für die Zeichnung, die der Edition für die griffelkunst vorausging, ist das Gemälde einer Königsfamilie. Dort sieht man Elisabeth Farnese, die Königin, wie sie in einem opulenten Kleid im Zentrum sitzt, und viele Personen um sie herum. Mich interessiert, wie das alles inszeniert ist. Es sind die Stoffe, die Hände, die Haltung der Personen, die Beziehungen von einer Figur zur anderen, auf die ich achte. Die farbige Tuschezeichnung, die ich von diesem Gemälde gemacht habe, habe ich photographiert und als Vorlage für den Stoffdruck am Computer bearbeitet. Man sieht das noch im Druck am unteren Rand, wo sich die Vorlagenzeichnung wölbt. Ich mag solche Spuren von vorhergegangenen Arbeitsschritten.

griffelkunst: Die Haltung der Personen ist eine eher aristokratische und auch die Stoffe verweisen auf einen königlichen Zusammenhang. Das spielt also doch schon eine Rolle?

RM: Für das, wonach ich in Bildern suche, was mit dem Material im Bild passiert, und was ich damit zeichnerisch machen kann, sind die aufwendigen, gemusterten Stoffe natürlich interessant. Ich mag auch folkloristische Muster oder Kleider, und ich habe häufig Gewänder gezeichnet, die zu Ritualen angezogen werden.

griffelkunst: Warum zeigst du anstelle des Gesichtes von Elisabeth Farnese einen pinkfarbenen Farbklecks?

RM: Diesen Klecks gibt es auch schon auf der vorangegangenen Zeichnung. Ich versuche, zu vermeiden, das Gesicht darzustellen. In meiner Arbeit will ich, dass das, was die Person kleidet, was sie gestaltet oder ihr die Form gibt, einen anblickt, dass es das ist, was aus dem Bild spricht. Ich will ja eigentlich nicht den privaten Menschen darstellen. Daher die Überlegung – wie bekomme ich das Gesicht weg. Solche Flecken stehen für mich auch auf eine Art für die Macht oder den Einfluss der Darstellungstechnik, also des Materials, auf das Dargestellte. Für die Edition übertrage ich den Tuscheklecks der Zeichnung von Hand mit Hilfe einer Schablone auf den Stoffdruck.

griffelkunst: Wie werden die Stoffarbeiten gezeigt?

RM: Das ist unterschiedlich. Die Stoffe werden manchmal ganz locker an die Wand gehängt, sodass der Stoff sich in Falten legt. Andere Stoffarbeiten werden wie eine Haut stark gespannt an die Wand genagelt. So würde ich auch »Elisabeth Farnese« präsentieren. Es gibt auch Stoffarbeiten, die ich auf einen Rahmen spanne und in den Raum stelle, so dass man die Hinterseite sieht. Ich habe für eine Theaterproduktion Kostüme gemacht, die werden natürlich angezogen. Ich zeige sie aber auch an einer Stange hängend. Neuerdings mache ich sogar Stoffobjekte, die ich Masken nenne, aber sie können gar nicht aufgesetzt werden. Sie brauchen keinen Träger, um ihren Platz einzunehmen. Hinten sieht man jede Menge Stoff, aus dem die glatte Vorderseite des Bildes hergestellt ist. Das verweist auf die Produktion, legt den Herstellungsprozess offen. Ich mag es, dass an den Stoffarbeiten alle Eingriffe, Nähte, Stickereien etc. sichtbar und nachvollziehbar sind. Die Masken sind Bilder mit einem Rattenschwanz an Material, der nicht ausgeblendet werden kann.

Ruth May, geboren 1974, lebt und arbeitet in Hamburg. Das Interview für die griffelkunst führten Brigitte Bedei und Dirk Dobke im August 2011.

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