Miriam Zadil
Einzelblätter E 634|E 635
Mit dem Faden gezeichnet
von Brigitte Bedei
Die gestickten Zeichnungen der Hamburger Künstlerin Miriam Zadil entfalten eine vielschichtige Bildwelt aus Figuren, Ornamenten und Symbolen. Ursprünglich sind die Werke aus farbigen Garnen auf Leinwand in einem langwierigen Prozess von Hand gestickt. Für die Edition musste Zadil eine andere Form finden und hat entschieden, das Medium beizubehalten. Allerdings hat eine Stickmaschine ihre Arbeit übernommen. Die Künstlerin musste die bunt angelegten Motive auf 15 Farben reduzieren, dennoch gelingt Stich für Stich und Fläche für Fläche ein Bild von haptischer Qualität. Die Motive entstehen aus einem Geflecht literarischer, philosophischer und mythologischer Bezüge, die miteinander in Beziehung treten.
Die ungefähr sieben Täler der Erkenntnis 1 und 2 beziehen sich auf die mystische persische Dichtung Die Konferenz der Vögel des Sufimystikers Farid ud-Din Attar aus dem 12. Jahrhundert. In dieser Erzählung machen sich tausende Vögel auf die Suche nach einem idealen König. Der Wiedehopf führt sie durch sieben Täler der Erkenntnis zum sagenhaften Simurgh, einem mythischen Vogelwesen, das mit einem Phönix vergleichbar ist. Am Ende erreichen nur dreißig Vögel ihr Ziel. Im Spiegel erkennen sie schließlich, dass sie selbst der gesuchte König sind: Der Name »Simurgh« bedeutet zugleich »dreißig Vögel«. Die Erzählung verweist auf Erkenntnis, Gemeinschaft und die Einsicht, dass das Gesuchte bereits im Suchenden angelegt ist. Ein weiterer zentraler Bezugspunkt für Zadil ist das Denken von Hannah Arendt, die Pluralität als Grundbedingung menschlicher Existenz beschreibt: »Nicht der Mensch bewohnt diesen Planeten, sondern Menschen. Die Mehrzahl ist das Gesetz der Erde.« Die Arbeiten greifen diese Vorstellung von Vielfalt und Koexistenz auf und übersetzen sie in eine Bildsprache, in der unterschiedliche Figuren und Zeichen gleichberechtigt nebeneinander bestehen.
Ein Wiedehopf, der mit einer Blockflöte verschiedene Wesen beschwört, lässt hinter den Bergen und Tälern der Erkenntnis Bildfiguren hervortreten: Ein Drachenwesen mit Schneckenfühlern steht dabei für Humor und Satire, ein Olivenblütenwesen für Harmonie und Frieden und ein Simurghmonster für Schutz und Erkenntnis. Die auf dem Kopf stehende dunkle Gestalt kann als Personifikation der »ungefähr sieben Täler der Erkenntnis« gelesen werden. Aus dem bergartigen Körper fallen drei Paare von Tropfen parallel herab. Am unteren Bildrand verweist eine rosafarbene Mandelblüte auf die türkische Familiengeschichte der Künstlerin sowie auf die Erinnerung an einen beinahe mythischen Mandelverkäufer. In der zweiten Arbeit bewegt sich die Gestalt der »ungefähr sieben Täler der Erkenntnis« scheinbar orientierungslos durch die Bildlandschaft. Hinter eigentümlichen Pflanzen erscheint erneut der Schneckendrache, während ein Vogel den Bildraum durchquert und die Tropfen weiter fallen. Neben der Olivenblüte wächst eine blütenartige Form aus zahlreichen Augen. Die einzelnen Figuren und Elemente wirken miteinander verbunden und zugleich voneinander getrennt. Sie bilden ein Netzwerk von Beziehungen, in dem jedes Motiv seine Eigenständigkeit behält.
Was verbirgt sich hinter den »ungefähr sieben Tälern der Erkenntnis«, wie Miriam Zadil sie in ihren gestickten Zeichnungen Gestalt annehmen lässt? Wie in der Erzählung von Farid ud-Din Attar wird der Weg durch diese Täler nicht als lineare Bewegung verstanden, sondern als ein Prozess von Begegnungen, Übergängen und Verwandlungen. In den Arbeiten der Künstlerin entsteht daraus ein Bildraum, in dem Figuren, Zeichen und Bezüge miteinander in Beziehung treten und sich zu einem offenen, vielfältigen Geflecht verbinden. Vielfalt zeigt sich hier als Bedingung des Zusammenlebens und des Denkens.
Beide Motive wurden auf Nessel gestickt und anschließend auf Keilrahmen montiert.
Miriam Zadil
1973 geboren in Trier,
lebt und arbeitet in Hamburg