Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e.V.

<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>

Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst

<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>

Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst

<p>Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst</p>

Jenny Holzer Edition entsteht ©griffelkunst

<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst</p>
<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst</p>
<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst</p>

Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst

<p>Im Atelier von Anja Tchepets ©griffelkunst</p>
<p>Im Atelier von Anja Tchepets ©griffelkunst</p>
<p>Im Atelier von Anja Tchepets ©griffelkunst</p>

Im Atelier von Anja Tchepets ©griffelkunst

Thomas Huber

E 552
Ekstase, 2018
34,0 × 28,0 cm / 22,0 × 23,0 cm

E 553
Venushügel, 2018
34,0 × 28,0 cm / 21,0 × 21,5 cm

Papierqualität: 260 g/qm Alt Nürnberg Bütten
Drucker: Tabor Presse, Berlin

Vasenekstase

von Dirk Dobke

Thomas Huber ist ein in der Schweiz geborener und seit langem in Berlin ansässiger Maler, den wir im Rahmen unseres Editionsprogramms seit 1992 bereits mit mehr als einem Dutzend Lithographien sowie einer Radierung vorgestellt haben. 2016 zeigte der Künstler in Paris eine Auswahl seiner erotischen Aquarelle, in der Mehrzahl sinnlich-erzählerische Perlen aus seinen Tage-, Notiz- und Skizzenbüchern der vergangenen 30 Jahre. Er hatte diese unter dem Ausstellungstitel Extase zusammengestellt und in einem die Ausstellung begleitenden Buch dokumentiert. In den intimen Studien findet sich angedeutet Erotisches neben Tagebuchartigem und explizit Sexuellem. Daraus entstand der Wunsch, zwei Einzelblätter zu diesem Themenkomplex zu edieren. Die beiden vorgestellten Motive wurden vom Künstler als Lithographien, also als originale Steindrucke, angelegt und von der Tabor Presse in Berlin meisterlich gedruckt.

Auf dem Blatt Ekstase erscheint ein weiblicher Unterkörper, den der Künstler zu einem vasenartigen Gefäß stilisiert. Das nach unten offene, körperförmige Gefäß scheint in einer Art Wasserlache zu liegen. Seine Form spiegelt sich in der Wasseroberfläche wider. Die Frau als Gefäß ist bereits ein seit dem alten Testament bekannter Topos, den Huber hier ungewöhnlich wörtlich umzusetzen scheint. Im Neuen Testament heißt es dazu beispielsweise:
»Ihr Männer, wohnt bei ihnen [euren Ehefrauen] nach Erkenntnis als bei einem schwächeren Gefäß, dem weiblichen (...)« (1. Petrus 3,7). Kulturgeschichtlich sind anthropomorphe Gefäße, also Gefäße in Form von Körperteilen oder dem Kopf, bereits im Alten Orient und in der griechischrömischen Antike weit verbreitet. Bei diesen Gefäßformen handelt es sich jedoch nie um alltägliche Gebrauchsgegenstände, sondern immer um besonders hochwertige, aufwendig hergestellte Trink- oder Ritualgefäße, die dem Kultischen zugeordnet werden. Ob Huber mit seiner Darstellung auf das weibliche als das »schwächere«, weil aufnehmende, Geschlecht verweist, oder ob er die Frau als ein fragiles und daher besonders kostbares Wesen zeigen möchte, darf der Betrachter selbst entscheiden. Sein Körpergefäß wirkt, aller allegorischen Form zum Trotz, sehr zeitgenössisch, sachlich. Es scheint ambig: einerseits wie eine umgestürzte Vase, die ihren Inhalt vergossen hat und zugleich erotisch und sexuell konnotiert.

Vergießendes beziehungsweise verspritzendes Wasser spielt auch bei seinem zweiten Blatt Venushügel eine zentrale Rolle. Das Motiv zeigt eine Reihe stilisierter Vulven in einer für Hubers Bildsprache typischen Kegelform, aus denen wie bei einem Springbrunnen im Bogen feine Wasserstrahlen austreten. Formal ähnlich wie beim ersten Blatt, spiegelt sich der Vulvenbrunnen in dem von ihm selbst produzierten Wasserspiegel. Die auftreffenden Wasserstrahlen bilden feine Wellen konzentrischer Kreise. Hier würdigt und ehrt Huber das weibliche Geschlecht in fast skulpturaler Überhöhung – jedoch nicht ohne das Ganze mit einer gewissen Portion Humor zu versehen.

E 466

E 466
Rette sich, wer kann, 2010
Aquatinta, siebenfarbig von vier Platten
65,0 x 89,0 cm / 82,0 x 1,07 cm
Papierqualität: 340 g/qm Zerkall-Bütten
Drucker: Kunst- und Radierwerkstatt W. Jesse, Inh. M. Jäger, Berlin

Was vermag ein Bild? Kann es die Welt retten? Oder rettet der Maler sich – in den Stürmen des Lebens – damit nur selber? Wie man erkennt, beschränkt der Maler sich bei diesem improvisierten Rettungsversuch auf seine Mittel, den Tisch, die Staffelei, die Leinwand. Die entscheidende Frage, was er auf seinem Bild zeigt, wird jedoch nicht beantwortet. Auf der verrußten Wand bleibt das Bild eine Leerstelle. Auf der Staffelei wendet sich das Bild vom Betrachter ab und verbirgt, was auf dessen Vorderseite zu sehen ist. Jenes Bild, das uns Rettung sein könnte, ist hier noch ungesehen.
Thomas Huber

Die großformatige Aquatinta „Rette sich, wer kann“ versammelt Motive aus dem Repertoire des in Berlin lebenden Künstlers, die er in seinen Bildern früh und wiederholt eingesetzt hat. So zeigten bereits Thomas Hubers Lithographie-Serien für die griffelkunst aus den Jahren 1992 und 2006 jene hohen und lichten Räume, die durch Aussparungen im Druck beleuchtet werden. Auch in dem Einzelblatt erhält die Szene Licht durch eine torartige Öffnung. Gezeigt werden Utensilien eines Malers, ein Tisch, die Staffelei, die Leinwand, die den Raum als Atelier ausweisen. Zwei Elemente sind zu sehen: Feuer und Wasser. Das Feuer errät man nur an seinen Spuren der Verwüstung. Ein Brand hat scheinbar stattgefunden, der Rußspuren auf den Wänden hinterlassen hat – bis auf einen ausgesparten Bereich, dort, wo offensichtlich jene Leinwand auf der Wand gehangen hatte, die jetzt, vor dem Feuer gerettet, auf der Staffelei steht. Das Wasser wurde eingesetzt, um den Brand zu löschen. Die Wassereimer stehen noch herum, das ausgegossene Wasser in weit ausgebreiteten Pfützen reflektiert Teile der Szene und verwandelt den Atelierboden in eine Wasserfläche. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man auf Hubers Graphik ein Schiff: die vom Feuer gerettete Leinwand ist das Segel, der umgekehrte Tisch der Bootskörper. Auf der Wasserfläche am Atelierboden segelt das improvisierte Schiff, als wäre es auf hoher See. Immer dem hell erleuchteten Tor als vielversprechendem Ausgang aus dem Bild entgegen.
Wie bei seinen Gemälden hat Thomas Huber das Motiv zunächst als skizzenhafte Vorlage im Originalformat entwickelt, die dann als Gerüst auf die Platte übertragen wurde. Die sieben Farben des Blattes wurden von vier Platten gedruckt, wobei Thomas Huber jede einzelne Platte von Hand überarbeitet und zeichnerische Akzente hinzugefügt hat.

A-REIHE, 322. WAHL, II. QUARTAL 2006
Rauten traurig, 2006
Farblithographien

1. ohne Titel, dreifarbig 51,0 x 60,2 cm / 36,0 x 46,0 cm
2. ohne Titel, vierfarbig 51,0 x 60,2 cm / 36,0 x 46,0 cm
3. ohne Titel, vierfarbig 51,0 x 60,2 cm / 27,0 x 46,0 cm
4. ohne Titel, dreifarbig 51,0 x 60,2 cm / 36,5 x 46,0 cm
5. ohne Titel, dreifarbig 51,0 x 60,2 cm / 36,0 x 46,0 cm
6. ohne Titel, dreifarbig 60,2 x 51,0 cm / 45,0 x 37,0 cm

Papierqualität: Zerkall Bütten 250 g/qm
Drucker: Felix Bauer, Köln

Kann ich das Bild sehen? Nein, auf keinen Fall können Sie das Bild sehen. Warum kann ich das Bild nicht sehen? Also verstehen Sie, das kann ich Ihnen nicht sagen. Warum haben Sie dann das Bild gemalt, wenn ich es nicht sehen darf? Na, hören Sie mal, über irgend etwas müssen wir doch reden können.
Thomas Huber

Thomas Huber, der sagt, dass er Reproduktionen seiner Bilder lieber als die Originale mag, ist ein ausgesprochener Kritiker der Malerei. Um ihre Begrenzungen sichtbar zu machen und sie zu überschreiten, ergänzt er seine malerische Tätigkeit durch das Schreiben von Essays, Reden und Aphorismen. Huber kommentiert seinen Gebrauch der Sprache in einem Interview mit Alexander Braun: „Durch die Sprache habe ich eine zusätzliche Gestaltungsmöglichkeit, die der klassische Maler nicht hatte. Ich mache Behauptungen, die dazu führen, dass sich die Möglichkeit eröffnet, in das Bild hineinzugehen. Das Bild wird nicht länger nur von außen besichtigt, sondern es wird zu einem Raum, den man imaginär betreten kann. Man kann sich in ihm aufhalten und sich in ihm umsehen.“ Der Betrachter soll sich in das Bild „einbringen“, wobei der Künstler durch seine Texte Hilfestellung leistet, denn er gibt mit seinen Reden eine Verweildauer und eine Richtung vor. Während Huber hier den Begriff „Raum“ metaphorisch gebraucht, beschäftigt er sich auch in seinen Arbeiten mit Räumen. Er betätigt sich als Planer und Konstrukteur von idealen Ausstellungsräumen, die die Trennung von Atelier-, Museums- und Lebensraum überwinden. Auch den Bildraum unterzieht er einer Revision und entwirft ihn neu. Er bezeichnet sich selbst als den „Hausmeister des Bildraums“, der den Raum immer schön sauber und gut durchlüftet hält, damit er nicht mit Bedeutung vollgestellt wird.

„Gut durchlüftet“ sind auch die Räume in der aktuellen Serie für die griffelkunst. Im Gegensatz zu der Serie von Farblithographien, die Thomas Huber 1992 für die griffelkunst realisiert hat, ist der Bildraum nun leer. Die Wände, Böden und Decken sind von Mustern überzogen und durch Fenster, Türen und Oberlichter strukturiert. Waren in der ersten Serie noch „Besucher“ in den Bildern anzutreffen, so öffnet sich vor dem Betrachter nun der Raum als geometrische Figur, als Spiel mit Perspektive und Wahrnehmung. Die als weiße Flächen ausgesparten Durchbrüche nehmen sich einerseits wie Platzhalter für Bilder aus, die es im Raum zu verteilen gilt. Andererseits kann man sie auch als Leerstellen, als Fenster zu einer Bedeutung des Bildes lesen, die hinter dem eigentlichen Bildraum zu liegen scheint. Trotz der Tiefe, die er damit auf seinen Bildern erzeugt, verweist Huber gleichzeitig auch auf die Flächigkeit des Bildes, das sich dem Betrachter anbietet und ihm doch jede Antwort schuldig bleibt.

322 A1
322 A2
322 A3
322 A4
322 A5
322 A6
270 A1
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270 A3
270 A4
270 A5
270 A6

Thomas Huber

wurde 1955 in Zürich geboren. Er studierte an der Kunstgewerbeschule Basel, dem Royal College of Art London und der Kunstakademie Düsseldorf und ist bis
heute ein international ausgestellter und vielfach ausgezeichneter Maler und Druckgraphiker. Von 1992–99 lehrte Huber als Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Ausstellungen
2018 Bilder für alle, Druckgrafik und Multiples von Thomas Huber 1980–2018, Aargauer Kunsthaus, Aarau (E, K)
2017 Luther und die Avantgarde, Wittenberg
Thomas Huber – Abyss, MONA, Museum of Old and New Art Hobart Tasmanien, Australien (E)
2016 Am Horizont, Kunstmuseum Bonn; Musée des Beaux-Arts, Rennes, Frankreich (E)

Publikationen
Thomas Huber: extase, 2017
Jean-Paul Felley; Olivier Kaeser (Hg.), Centre culturel suisse, Les presses du réel, Paris 2016

 

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