Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e.V.

<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>

Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst

<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>

Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst

<p>Aufbau der Ausstellung “Thomas Kilpper – 150 Years of Printmaking”, 2014 ©griffelkunst</p>
<p>Aufbau der Ausstellung “Thomas Kilpper – 150 Years of Printmaking”, 2014 ©griffelkunst</p>
<p>Aufbau der Ausstellung “Thomas Kilpper – 150 Years of Printmaking”, 2014 ©griffelkunst</p>

Aufbau der Ausstellung “Thomas Kilpper – 150 Years of Printmaking”, 2014 ©griffelkunst

<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst</p>
<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst</p>
<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst</p>

Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst

<p>Im Atelier von Anja Tchepets ©griffelkunst</p>
<p>Im Atelier von Anja Tchepets ©griffelkunst</p>
<p>Im Atelier von Anja Tchepets ©griffelkunst</p>

Im Atelier von Anja Tchepets ©griffelkunst

Joachim Grommek

Audioguide

Einzelblätter

Siebdruck auf Leinwand, auf Keilrahmen aufgespannt

E 543
ohne Titel, 2018
50,0 × 40,0 × 2,0 cm

E 544
ohne Titel, 2018
50,0 × 40,0 × 2,0 cm

Druckträger: Baumwoll-Leinwand
Drucker: 1 x 2 Siebdruck, Martin Samuel, Berlin

Virtuosität des Fehldrucks

von Jens Asthoff

Stellenweise fehlfarbene Inkjet-Prints auf Leinwand, bedruckte Flächen, die helle Streifen, bleiche Zonen oder Flecken aufweisen, als habe da ein Bürodrucker mit akutem Tonermangel gekämpft. Die Leinwände scheinen auch nicht ganz passgenau zum Motiv auf den Rahmen aufgezogen zu sein.
In Bildern von Joachim Grommek scheint einiges aus dem Fokus gerutscht. Könnte man meinen. Tatsächlich aber sind die vermeintlichen Billigdrucke reine Malerei, und darin gelingt Grommek eine geradezu perfekte Simulation. Auf vielfältige, erfinderische Weise verknüpft der in Berlin lebende Maler Techniken des Trompe-l’oeil mit Bildsprachen der Konkreten Kunst. Ein durchaus ungewöhnliches, ja, paradoxes Unternehmen, denn während seine Arbeiten offenkundige Bezüge zu jener Malereitradition von Max Bill bis Blinky Palermo unterhalten – in der es ja ausdrücklich ums illusionsfreie Sosein von Formen und Farben geht –, setzen sie dies als malerisch erzeugte Illusion bestimmter Oberflächen und Materialien um. Wenn Grommek etwa in einer seiner frühen Werkgruppen aus farbigen Klebestreifen und -folien auf Pressspanplatte komponierte Abstraktionen präsentiert – und darin dann die Farbstreifen, ja, selbst der Pressspan illusionistisch perfekt gemalt sind –, dann liegt darin ein spezielles Understatement, aber auch offene Fragen: Sind diese Bilder nun gegenständlich oder nicht? Oder sind sie womöglich beides zugleich?

Auch in seiner neueren Werkgruppe, in der er Motive wie digital auf Leinwand gedruckte, oft streifig und blass erscheinende Farbfelder verwendet, entfaltet Grommek die Visualität des Fehlers als spezifisches Stilmittel seiner Malerei. Ohne Titel (2018), eins von zwei Bildern dieser Serie, die der Künstler als Edition für die griffelkunst im Siebdruck realisierte, wirkt mit einer diffus grauen, nach oben aus dem Zentrum gerückten Fläche voll ausblassender »Druckfehler«-Zonen tatsächlich wie eine Fehlkopie. Vier hellblaue Streifen liegen darüber, locker angeordnet in Art eines Rahmens. Sie haben eine eigentümliche Form, sind an den Schmalseiten leicht aus bzw. eingebuchtet und scheinen plastisch, beinahe dreidimensional vor dem Bild zu schweben. Das Element taucht in Grommeks Bildern häufiger auf, und tatsächlich ist es ein Realitätszitat aus dem Atelier: ein Kantenschutz aus PE-Schaum, mit dem üblicherweise Leinwände für den Transport geschützt werden. Auch in seinem zweiten Bild für die Edition ist dieses Element zu sehen, nun in Grün, nur einmal platziert, und in bewusst schalem Simultankontrast gehalten zu dem darüber gesetzten, die gesamte Bildbreite einnehmenden Quadrat in einem blass-schlierigen Magenta. Darauf ist links unten eine kleine quadratische Fläche in ausgeblasstem Rosa integriert wie ein formales Echo. Was da den legeren Charme des Probe- oder Fehldrucks vermittelt, wird von Grommek stets präzise auf genau diesen Eindruck hin komponiert. Jede Setzung, jede vermeintlich fehlerhafte Flächentextur verdankt sich den raffiniert genutzten malerischen Mitteln. Dass der Künstler für die griffelkunst zwei solcher drucksimulierenden Gemälde nun wiederum in einem – allerdings durch und durch analogen – Printverfahren, nämlich als Siebdruck, reproduziert, ist dabei nur eine weitere Volte in seinem malerischen Umgang mit medialen Transfers.

B-Reihe, 344. Wahl , IV Quartal 2011
Siebdruck auf PVC Folie
70 x 50 cm

1. ohne Titel
2. ohne Titel
3. ohne Titel
4. ohne Titel
5. ohne Titel
6. ohne Titel

Material: PVC Folie
Drucker: 1 x 2 Siebdruck, Martin Samuel, Berlin

Authentischer Fake

von Jens Asthoff

Arbeiten von Joachim Grommek unterhalten eine paradoxe Beziehung zur Tradition Konkreter Kunst, die ja einst antrat, den Illusionismus in Malerei und Skulptur durch geometrisch-konstruktive Formensprachen abzulösen. Grommeks ungegenständliche Kompositionen aus gestaffelten Farbflächen, Linien und Kreiselementen scheinen dort anzuknüpfen, überraschen aber zunächst durch eine gewisse Ärmlichkeit: Er arbeitet überwiegend auf Spanplatten und nimmt deren Oberflächen auch kompositionell als Bildbestandteil auf. Die monochromen Farbfelder wirken wie aus freihändig auf Platte geklebte Folien und Tapes, so dass die Kompositionen etwas unorthodox und meist auch ein bisschen improvisiert aussehen – ganz so, als wolle Grommek Konkrete Malerei um einen „arte povera“-Aspekt bereichern.

Doch wer meint, der Künstler habe hier den Farbauftrag mit Klebeband auf Pressspan radikalisiert, ist ihm auch schon auf den Leim gegangen. In diesen Bildern ist das Konkrete stets mit Illusion gepaart: Zwar sind sie tatsächlich auf Spanplatte gemalt, doch hat der Künstler diese zunächst weiß grundiert, um darauf dann eine Pressspanoberfläche malerisch zu imitieren – so perfekt, dass selbst der, der es weiß, mit noch gesteigerter Faszination das Täuschende erlebt. Das lässt sich am Rand der (stets ungerahmten) Bilder verifizieren: Zwar belegt die vom Zuschnitt poröse Kante die Materialität des Bildträgers, doch eine hauchdünne Schicht weißer Grundierung unter der Oberfläche offenbart subtil, dass die Span-Schauseite „bloß“ gemalt ist. Es sind solche subtilen Details, an denen sich die Wahrnehmung des Bildes verkehrt und spröde Stofflichkeit sich in raffiniertes Trompe l’oeil verwandelt.
Ebenso verhält es sich mit den vermeintlichen „Klebestreifen“. Zwar liegen die so plastisch übereinander, dass man sie regelrecht glaubt abziehen zu können. Und auch ihr Kolorit, das von der Signalfarbigkeit der Gaffa-Tapes bis zu täuschend realistischem Paketband-Braun oder dem Ton eines leicht vergilbten Klarsicht-Tesas reicht, wirkt echt. Doch alle diese Flächen sind gemalt. Grommek macht, ganz im Geiste der Konkreten Kunst, die Materialität des Bildes zum Thema und Gegenstand der Malerei – doch paradoxerweise tut er dies durch malerische Illusion.

Darin steckt Kritik und wohl auch Ironie gegenüber einer Purifizierungstendenz Konkreter Kunst – wie um zu demonstrieren, dass man beim Bildermachen aus dem Schein halt nicht herauskomme. Doch gerade im Aspekt der Illusion, also da, wo akribische Malerei ein locker getaptes Bild vorgaukelt, eröffnet Grommek sich auch neue Möglichkeiten für die Bildsprache selbst: „Ich möchte, dass die Malerei wie eine Camouflage wirkt“, sagt er, „Arbeiten sollen erst mal als Bild funktionieren. Durch den Trompe-l’oeil-Effekt kann ich mir erlauben, dass die kompositionelle Ausführung nicht akkurat erscheint – und das mit Absicht. Die geometrische Struktur weist Brüche auf, eine gewisse Asymmetrie ist bildnerisches Konzept.“(1) Dieser improvisatorische Zug gestattet Grommek eine offenere Kompositionsweise, und daraus gewinnt er jene freiere Rhythmisierung und haptische Staffelung von Farbfeldern, die er in seiner seriellen Arbeitsweise dann so vielfältig durchspielt.

Für seine Griffelkunst-Edition überträgt Grommek das malerische Verfahren auf den Siebdruck. Unter Verwendung von insgesamt 15 Farben hat er sechs Motive entworfen und im Format von 70 x 50 cm realisiert. Statt Pressholz wählte er stabile, transparente PVC-Folie als Bildträger. Die sechs wie aus Klebestreifen und -folien zusammengesetzten Kompositionen sind reliefartig, matt glänzend gedruckt. Wie in seiner Malerei belässt Grommek auch hier Leerstellen und freie Randbereiche. Auf dem transparenten Träger führt das dazu, dass die Farbgefüge frei im Bildraum zu schweben scheinen.
Motivisch hat Grommek sein Bildverfahren bisweilen durch Paraphrasen anderer Künstler pointiert: Etwa in Tilt (2006), das sich auf Blinky Palermos Flipper (1970, heute in der Sammlung des MoMA) bezieht. Palermo hatte das Muster der Seitenwände eines Flipperautomaten ins Bild übertragen und es so in eine serielle Komposition aus Quadraten und Linien verwandelt. Grommeks Tilt bricht die Regularität der Vorlage auf, leicht schief „geklebte“ Farbstreifen lassen das Gefüge wie verrutscht erscheinen. Doch gerade so hält es eine Art von Spannung, die im Tesa-Pressspan-Understatement ungreifbarer und umso reizvoller ist. Farblich und motivisch ist die Edition in Orange-Blau-Gelb mit jenem Tilt verwandt, während ein anderes Blatt, das auf viel Weiß mit rot-blau-gelben Elementen und schwarzen Balken operiert, sichtlich mit Mondrian spielt – und sich auch auf ein o.T. Grommeks von 2008 bezieht. Ein weiteres schlagendes Beispiel für dieses Paraphrase-Verfahren ist o.T. (2009) aus diagonal gestaffelten, überwiegend blauen und weißen Streifen. Spontan erkennt darin wohl jeder das Muster der blaugestreiften Plastiktüte Aldi-Nord. Was zuerst als Gag à la „Aldi-Abstraktion“ erscheinen mag und gut zum betont billigen Appeal von Spanplatte und Folie passt, hat allerdings einen überraschenden Hintergrund. Kaum einer, der die Allerweltstüten heute mit sich herumträgt, weiß, dass ihr Design von einem Maler der Konkreten Kunst, von Günter Fruhtrunk, stammt. So wird Grommeks Bild zur doppelten Paraphrase – und auch zur Hommage. Die kompositorische Grundstruktur hat er beibehalten, den Rhythmus aber durch leicht irreguläre Setzungen zum Schwingen gebracht; unterstützt noch durch die Farbwahl: Das Blau weicht leicht vom Originalton ab, zudem sind die Primärfarben Rot und Gelb ins Gefüge eingeflochten.
Grommek hat sein malerisches Bildverfahren stetig weiterentwickelt, neuerdings arbeitet er auch mit größeren Aluminium-Formaten, für die er oft intensiv farbige und zum Teil ornamenthaft gesetzte Muster entwickelt. Insgesamt aber reüssiert bei ihm auch weiterhin das konstruktive Bild als malerische Illusion. Ausgerechnet über den Aspekt des Scheins, den die Konkrete Kunst nachdrücklich ausgegrenzt hatte, entwickelt er neue Zugänge zur ungegenständlichen Kunst.

(1)Joachim Grommek, „Ich hätte auch grüne Bilder malen können…“, in: „Ohne Eichhörnchengrün“, Städtische Galerie Wolfsburg, 2011; S. 25.

344 B1
344 B2
344 B3
344 B4
344 B5
344 B6

Joachim Grommek

1957 geboren in Wolfsburg
1976–1983 Studium an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
lebt und arbeitet in Berlin

Einzelausstellungen
2017 High End, Galerie Mathias Güntner, Hamburg
2014 kick down beach babyface, Galerie Mathias Güntner, Hamburg (K)
2013 ... painting show, Haus Konstruktiv, Zürich, Schweiz (K)
2012 never know, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen (K)
2011 Malerei 3000, Städtische Galerie Wolfsburg (K)

Publikation
Ohne Eichhörnchengrün, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011

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