Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e.V.

<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>
<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst</p>

Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ©griffelkunst

<p>In der Druckwerkstatt von Thomas Franke ©griffelkunst</p>
<p>In der Druckwerkstatt von Thomas Franke ©griffelkunst</p>
<p>In der Druckwerkstatt von Thomas Franke ©griffelkunst</p>

In der Druckwerkstatt von Thomas Franke ©griffelkunst

<p>Jonathan Meese signiert in der Seilerstraße, Hamburg ©griffelkunst</p>
<p>Jonathan Meese signiert in der Seilerstraße, Hamburg ©griffelkunst</p>
<p>Jonathan Meese signiert in der Seilerstraße, Hamburg ©griffelkunst</p>

Jonathan Meese signiert in der Seilerstraße, Hamburg ©griffelkunst

<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst</p>
<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst</p>
<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst</p>

Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012 ©griffelkunst

<p>David Tremlett signiert in der Seilerstraße ©griffelkunst</p>
<p>David Tremlett signiert in der Seilerstraße ©griffelkunst</p>
<p>David Tremlett signiert in der Seilerstraße ©griffelkunst</p>

David Tremlett signiert in der Seilerstraße ©griffelkunst

Tatjana Doll

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E 570
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E 571

Einzelblätter

E 570
Exklusiv
66,0 × 50,0 cm / 59,5 × 43,5 cm

E 571
Liebesbotschaft
66,0 × 50,0 cm / 59,5 × 43,0 cm

Papierqualität: 250 g/qm Velin BFK Rives
Druck: Tabor-Presse, Berlin

Vehemente Poesie

von Dirk Dobke

Ich wollte Malerei machen und dabei nicht das Klischee von Malerei bedienen, sondern malen, was da ist. Das darf respektlos, ja plump sein. Brutalität hat mich schon immer interessiert.
Tatjana Doll

Tatjana Dolls Bilder wirken, als seien sie gerade erst dabei zu trocknen. Die ungebremsten und von ihr nicht korrigierten Laufnasen und Farbpfützen zeugen von einem energischen und temperamentvollen malerischen Akt. Die in Berlin lebende und in Karlsruhe lehrende Künstlerin malt mit großer Wucht und das meist großformatig: Sportwagen, Maschinen, Container, Verkehrszeichen, Piktogramme, Hinweisschilder und Müllautos, gemalt in Originalgröße! Die Motive entreißt sie mit ihrem malerischen Gestus der Alltäglichkeit. Sie stellt das Gemalte dem Realen gleichberechtigt gegenüber. In jedem ihrer großformatigen Gemälde steht neben dem Dargestellten immer auch die Erfahrung des Malens, des Machens durch die satt aufgebrachte Lackfarbe. Deutlich markiert der energische Duktus des Pinsels den Weg der Farbe zum Motiv. So bricht sie ruppig und mit Vehemenz die Virtuosität ihrer realistischen Gemälde durch einen eruptiven, fast brutalen Farbauftrag.

Für ihre Griffelkunst-Edition aus dem Jahr 2012 beschäftigte sie sich mit dem Copyright-Signet, das sie in fünfen der sechs Motive variierte, gar karikierte.
Ihre beiden aktuellen Einzelblätter sind textbasierte Lithographien: Schrift auf Stein, das weckt bei ihr die »Idee, die Steine zu keilen (Keilschrift)«. Im Motiv Exklusiv zitiert sie das Logo der gleichnamigen Wochen-Illustrierten Frau mit Herz, das sie mit einem ironischen »Best« als auszeichnendes Etikett oben links kommentiert. Normalerweise sitzt das Logo links oben auf dem Zeitschriften-Cover und lässt genügend Platz für die Headlines des Boulevard-Journalismus und ein füllendes Promi-Porträt aus der Welt der Reichen und Schönen. Tatjana Doll macht das Logo selbst zum Bild und lässt darunter nur noch gerade genug Platz für ihr eigenes Branding: Mit großer Geste signiert sie, die sonst immer nur rückseitig unterschreibt, einmal quer über das ganze Blatt mit Vor- und Zunamen.

»Meine Unterschrift ist die Headline und die konkurriert nun entweder mit dem Logo oder den fehlenden Headlines.«

Dolls Gemälde sind immer auch eine Form der malerischen Aneignungen allseits bekannter Formen, Bilder oder Symbole und deren gesellschaftlicher Lesbarkeiten oder Aufladungen. Für das zweite Einzelblatt hat die Künstlerin nun ein eigenes Motiv zitiert und variiert. Die Liebesbotschaft des zweiten Motivs klingt lautmalerisch: »Lonely 4 U Only« und basiert auf einer großformatigen Lack-Malerei mit diesem Titel. Was im englischen Reim zunächst Romantisches verheißt, hieße in der deutschen Übersetzung etwas trocken: »bin nur für Dich einsam«. Das Bild ist dunkel und die orangefarbenen Lettern der Schrift strahlen wie eine Leuchtschrift aus der nächtlichen Bildtiefe. Die Poesie des Geschriebenen ist eingängig und bleibt doch rätselhaft. Wer ist es, für den allein man einsam bleibt? Und warum? In der scheinbar poetischen Verheißung schwingt die Tragik des Scheiterns mit. Pathetisch und narzisstisch zugleich erscheine ihr die Aussage, man bleibe für jemand anderen einsam, sagt die Künstlerin. Zugleich bekomme die Botschaft in der Pandemie und der damit verordneten Corona-Distanz für sie eine ganz neue, aktuelle Bedeutung. Es sei vielleicht einfach das Kunstwerk selbst, das allein bleibe und nur für seinen Betrachter da sei.

Tatjana Doll
C-Reihe / 345. Wahl I. Quartal 2012
Lithographien

1. money, strength and poverty 1, 60 x 50 cm / 48,5 x 37,5 cm
2. money, strength and poverty 2, 60 x 50 cm / 48,5 x 37,5 cm
3. money, strength and poverty 3, 60 x 50 cm / 48,5 x 37,5 cm
4. money, strength and poverty 4, 60 x 50 cm / 48,5 x 37,5 cm
5. money, strength and poverty 5, 60 x 50 cm / 48,5 x 37,5 cm
6. money, strength and poverty 6, 60 x 50 cm / 48,5 x 37,5 cm


Papierqualität: 300 g/qm Incisioni Lithobütten, Cartiera Magnani
Drucker: Tabor Presse, Berlin

Copyright Tatjana Doll

von Brigitte Bedei

Das Kopieren im Sinne von Aneignung ist eine von Tatjana Dolls zentralen Vorgehensweisen. Das Copyright-Zeichen, das als Kopierschutz eingesetzt wird, hat die Malerin sowohl inhaltlich als auch formal konsequent ins Zentrum ihrer Edition für die griffelkunst gesetzt.
Ein Halbkreis innerhalb eines Kreises bildet das Grundmotiv der sechsteiligen Lithographieserie von Tatjana Doll: ©
In dem zweiten Blatt der Folge zeigt die Malerin das schwarz getuschte Copyright- Zeichen nach oben gedreht, es wird zum Hufeisen, aus dem das Glück herausfällt. Dreht sie es erneut, wird es zum Zeichen für Glück. Das C mit dem ineinander geschränkten, spiegelverkehrten C ist das Markenzeichen des Modelabels Coco Chanel. Unendlichkeit schließlich symbolisieren zwei ineinander verschlossene Ringe.
Das einzig farbig angelegte Blatt der Serie zitiert im Bildmotiv eine Posterkampagne gegen Produktpiraterie, also minderwertige Nachahmer-Waren, deren Ziel es ist, der Originalware zum Verwechseln ähnlich zu sein. Die Farbkombination von Rot, Gelb und Schwarz suggeriert Gefahr und in der Tat gilt: When you buy counterfeit goods, you support criminal activity, so der Slogan der Kampagne, die auf internationalen Flughäfen gezeigt wird. Die Signatur setzt die Künstlerin neben ein klein gedrucktes Copyright- Zeichen direkt ins Bild: © Tatjana Doll.
Über den Prozess des Malens, den Einsatz von Druckgraphik und die damit verbundenen Inhalte hat die Künstlerin folgenden Text formuliert:

money, strength and poverty

Geld, Stärke und Armut

Was wird das heutige Informationszeitalter produzieren? Ich bin ins Leben geschoben, ausgestattet mit Sinnen und Instinkten eben wie ein Tier in der Wildnis, das nichts anderes verfolgt als neue Umfelder zu erforschen. Ich bin aufgeregt, begeistert und voller Angst, die einzige Frage, die ich mir stelle, ist, ob die Angst das einzige, echte Bedürfnis, eine Notwendigkeit ist für meine Fortschritte, und die einzig wahre Antwort lautet: nein. Durch Aufregung und Begeisterung mach ich weiter.
Urheberrecht, dem Industriezeitalter zugehörig, ein subjektives und absolutes Recht auf Schutz geistigen Eigentums in ideeller und materieller Hinsicht. »Das Werk sei schon deshalb zu schützen, weil es ein Stück entäußerter, gleichsam materialisierter Persönlichkeit des Urhebers sei. Aus diesem Ansatz heraus wird entsprechend auch das Objekt des Urheberrechts bestimmt – schützenswert ist nur, was Ausdruck der innersten Persönlichkeit des Schöpfers ist. Sprache, Maltechnik oder historische Daten und Geschehnisse können deshalb nicht Objekt des Urheberrechts sein.« (Stig Strömholm: Copyright Comparison of Laws.) Die Kopie aus den Maschinen gelangt ins Informationszeitalter, das Copyright des Kapitalismus kollidiert mit dem Digitalzeitalter der Siebziger und Achtziger, das kein Urheberrecht mehr benötigt.
Meine Malerei benutzt Serien: Transportmittel, Auto, Flugzeug, Zug, Piktogramme, Stadtmöbel/Container, Werbung, RIPs (Raster Image Prozessor zur Übernahme bereits vorhandener Informationen aus Gemälden), Dummies, etc. Dabei sind die Replikate nur als Erscheinung des Vorhandenen eingesetzt, sie bestätigen weder die Objekte noch erhöhen sie Gedanken an das Bild. Bild ist Allgemeingut, es gehört allen wie die Schrift, denn sie sind zur reinen Information reduziert worden. Soweit das Bild als Identifizierung erscheint, bevorzuge ich elementare, einfache Formen in der Malerei. Alle meine Malereien benutzen Lack, der traditionell in der japanischen Malerei seinen Ursprung findet, anstelle eines persönlichen Duktus, und mir Oberflächen von Abweisung und Auslöschung ermöglicht, als auch selbst die Vorraussetzung der Bildinformation in ihrer primären Materialexistenz schafft. Das Bild Im Westen Nichts Neues, davon vier Ausfertigungen von mir, hat die Idee einer hinzugefügten Dimension durch die Oberfläche des Lacks, die durchbrochen wird von herunterlaufender schwerer Lackfarbe und das Motiv als reine Spiegelung oder Information des Außen belässt und so mit Terminator kollidiert, der Prozess bleibt im »Ich komme wieder«, wie sein eigenes Counterfeit.
Bild für mich ist relativ bedeutungslos, deshalb pflege ich die bedingungslose Übernahme bereits vorhandener Bilder in die Malerei, von uns geschaffene Bilder, weil die Natur in ihrer Komplexität für mich nicht überwindbar ist. Markenzeichen und Label sind nur noch Symbol für Qualität, sie werden vertreten durch Urheberschaft und Patent, die Prozesse einfrieren. Coco Chanel sagt, sie habe die Frauen aus dem Korsett, dem Blick der Männer auf die Frauen befreit, zur Eleganz des sie-selbst-sein verholfen. Die Zeit ist im Symbol gefroren.
Malerei ermöglicht mir Fortschritt, ich möchte Rohheit, Härte, das Eigentliche, keine Ebene dahinter, die verstellt. Dieses Vorgehen bedeutet auch, dass der Malereiprozess unvorhersehbar ist, Malereien, die scheitern, andere, die das Eigentliche hervorbringen, die Entdeckung des Glücks, wenn keine überflüssige Beschichtung, weitere Ebene wie ein Geheimnis dahinter steht. Dazu sind die »glücklosen« Malereien erheblicher Bestandteil, sie sind gleichwertig zu den geglückten, weil sie je die Grenzen verschieben und ausloten, um dann in der Form der Unendlichkeit sein zu können. Eine Drucktechnik, Lithographie, zu benutzen, schafft die Voraussetzung, auf die Originalität des Drucks zu bestehen, da die Existenz von Serien durch Abweichung, Fehler oder kleinen Andersheiten ihre Verführung hat, in diesem Fall durch das Bild der jeweiligen handgefertigten Unterschrift auf dem Druck oder im Hinweis auf das Ich in der Brille.

Tatjana Doll, Januar 2012

345 C1
345 C2
345 C3
345 C4
345 C5
345 C6

Tatjana Doll

1970 geboren in Burgsteinfurt

 

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