Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e.V.

<p>Eröffnung der Ausstellung von Kai Schiemenz im Kunstraum Seilerstraße, Frühjahr 2012</p>
<p>Eröffnung der Ausstellung von Kai Schiemenz im Kunstraum Seilerstraße, Frühjahr 2012</p>
<p>Eröffnung der Ausstellung von Kai Schiemenz im Kunstraum Seilerstraße, Frühjahr 2012</p>

Eröffnung der Ausstellung von Kai Schiemenz im Kunstraum Seilerstraße, Frühjahr 2012

<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee</p>
<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee</p>
<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee</p>

Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee

<p>Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition</p>
<p>Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition</p>
<p>Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition</p>

Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition

<p>Jenny Holzer Edition entsteht</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht</p>

Jenny Holzer Edition entsteht

<p>In der Druckwerkstatt von Thomas Franke</p>
<p>In der Druckwerkstatt von Thomas Franke</p>
<p>In der Druckwerkstatt von Thomas Franke</p>

In der Druckwerkstatt von Thomas Franke

Joachim Grommek

B-Reihe, 344. Wahl , IV Quartal 2011
Siebdruck auf PVC Folie
70 x 50 cm

1. ohne Titel
2. ohne Titel
3. ohne Titel
4. ohne Titel
5. ohne Titel
6. ohne Titel

Material: PVC Folie
Drucker: 1 x 2 Siebdruck, Martin Samuel, Berlin

Authentischer Fake

von Jens Asthoff

Arbeiten von Joachim Grommek unterhalten eine paradoxe Beziehung zur Tradition Konkreter Kunst, die ja einst antrat, den Illusionismus in Malerei und Skulptur durch geometrisch-konstruktive Formensprachen abzulösen. Grommeks ungegenständliche Kompositionen aus gestaffelten Farbflächen, Linien und Kreiselementen scheinen dort anzuknüpfen, überraschen aber zunächst durch eine gewisse Ärmlichkeit: Er arbeitet überwiegend auf Spanplatten und nimmt deren Oberflächen auch kompositionell als Bildbestandteil auf. Die monochromen Farbfelder wirken wie aus freihändig auf Platte geklebte Folien und Tapes, so dass die Kompositionen etwas unorthodox und meist auch ein bisschen improvisiert aussehen – ganz so, als wolle Grommek Konkrete Malerei um einen „arte povera“-Aspekt bereichern.

Doch wer meint, der Künstler habe hier den Farbauftrag mit Klebeband auf Pressspan radikalisiert, ist ihm auch schon auf den Leim gegangen. In diesen Bildern ist das Konkrete stets mit Illusion gepaart: Zwar sind sie tatsächlich auf Spanplatte gemalt, doch hat der Künstler diese zunächst weiß grundiert, um darauf dann eine Pressspanoberfläche malerisch zu imitieren – so perfekt, dass selbst der, der es weiß, mit noch gesteigerter Faszination das Täuschende erlebt. Das lässt sich am Rand der (stets ungerahmten) Bilder verifizieren: Zwar belegt die vom Zuschnitt poröse Kante die Materialität des Bildträgers, doch eine hauchdünne Schicht weißer Grundierung unter der Oberfläche offenbart subtil, dass die Span-Schauseite „bloß“ gemalt ist. Es sind solche subtilen Details, an denen sich die Wahrnehmung des Bildes verkehrt und spröde Stofflichkeit sich in raffiniertes Trompe l’oeil verwandelt.
Ebenso verhält es sich mit den vermeintlichen „Klebestreifen“. Zwar liegen die so plastisch übereinander, dass man sie regelrecht glaubt abziehen zu können. Und auch ihr Kolorit, das von der Signalfarbigkeit der Gaffa-Tapes bis zu täuschend realistischem Paketband-Braun oder dem Ton eines leicht vergilbten Klarsicht-Tesas reicht, wirkt echt. Doch alle diese Flächen sind gemalt. Grommek macht, ganz im Geiste der Konkreten Kunst, die Materialität des Bildes zum Thema und Gegenstand der Malerei – doch paradoxerweise tut er dies durch malerische Illusion.

Darin steckt Kritik und wohl auch Ironie gegenüber einer Purifizierungstendenz Konkreter Kunst – wie um zu demonstrieren, dass man beim Bildermachen aus dem Schein halt nicht herauskomme. Doch gerade im Aspekt der Illusion, also da, wo akribische Malerei ein locker getaptes Bild vorgaukelt, eröffnet Grommek sich auch neue Möglichkeiten für die Bildsprache selbst: „Ich möchte, dass die Malerei wie eine Camouflage wirkt“, sagt er, „Arbeiten sollen erst mal als Bild funktionieren. Durch den Trompe-l’oeil-Effekt kann ich mir erlauben, dass die kompositionelle Ausführung nicht akkurat erscheint – und das mit Absicht. Die geometrische Struktur weist Brüche auf, eine gewisse Asymmetrie ist bildnerisches Konzept.“(1) Dieser improvisatorische Zug gestattet Grommek eine offenere Kompositionsweise, und daraus gewinnt er jene freiere Rhythmisierung und haptische Staffelung von Farbfeldern, die er in seiner seriellen Arbeitsweise dann so vielfältig durchspielt.

Für seine Griffelkunst-Edition überträgt Grommek das malerische Verfahren auf den Siebdruck. Unter Verwendung von insgesamt 15 Farben hat er sechs Motive entworfen und im Format von 70 x 50 cm realisiert. Statt Pressholz wählte er stabile, transparente PVC-Folie als Bildträger. Die sechs wie aus Klebestreifen und -folien zusammengesetzten Kompositionen sind reliefartig, matt glänzend gedruckt. Wie in seiner Malerei belässt Grommek auch hier Leerstellen und freie Randbereiche. Auf dem transparenten Träger führt das dazu, dass die Farbgefüge frei im Bildraum zu schweben scheinen.
Motivisch hat Grommek sein Bildverfahren bisweilen durch Paraphrasen anderer Künstler pointiert: Etwa in Tilt (2006), das sich auf Blinky Palermos Flipper (1970, heute in der Sammlung des MoMA) bezieht. Palermo hatte das Muster der Seitenwände eines Flipperautomaten ins Bild übertragen und es so in eine serielle Komposition aus Quadraten und Linien verwandelt. Grommeks Tilt bricht die Regularität der Vorlage auf, leicht schief „geklebte“ Farbstreifen lassen das Gefüge wie verrutscht erscheinen. Doch gerade so hält es eine Art von Spannung, die im Tesa-Pressspan-Understatement ungreifbarer und umso reizvoller ist. Farblich und motivisch ist die Edition in Orange-Blau-Gelb mit jenem Tilt verwandt, während ein anderes Blatt, das auf viel Weiß mit rot-blau-gelben Elementen und schwarzen Balken operiert, sichtlich mit Mondrian spielt – und sich auch auf ein o.T. Grommeks von 2008 bezieht. Ein weiteres schlagendes Beispiel für dieses Paraphrase-Verfahren ist o.T. (2009) aus diagonal gestaffelten, überwiegend blauen und weißen Streifen. Spontan erkennt darin wohl jeder das Muster der blaugestreiften Plastiktüte Aldi-Nord. Was zuerst als Gag à la „Aldi-Abstraktion“ erscheinen mag und gut zum betont billigen Appeal von Spanplatte und Folie passt, hat allerdings einen überraschenden Hintergrund. Kaum einer, der die Allerweltstüten heute mit sich herumträgt, weiß, dass ihr Design von einem Maler der Konkreten Kunst, von Günter Fruhtrunk, stammt. So wird Grommeks Bild zur doppelten Paraphrase – und auch zur Hommage. Die kompositorische Grundstruktur hat er beibehalten, den Rhythmus aber durch leicht irreguläre Setzungen zum Schwingen gebracht; unterstützt noch durch die Farbwahl: Das Blau weicht leicht vom Originalton ab, zudem sind die Primärfarben Rot und Gelb ins Gefüge eingeflochten.
Grommek hat sein malerisches Bildverfahren stetig weiterentwickelt, neuerdings arbeitet er auch mit größeren Aluminium-Formaten, für die er oft intensiv farbige und zum Teil ornamenthaft gesetzte Muster entwickelt. Insgesamt aber reüssiert bei ihm auch weiterhin das konstruktive Bild als malerische Illusion. Ausgerechnet über den Aspekt des Scheins, den die Konkrete Kunst nachdrücklich ausgegrenzt hatte, entwickelt er neue Zugänge zur ungegenständlichen Kunst.

(1)Joachim Grommek, „Ich hätte auch grüne Bilder malen können…“, in: „Ohne Eichhörnchengrün“, Städtische Galerie Wolfsburg, 2011; S. 25.

 

344 B1
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Joachim Grommek

1957 geboren in Wolfsburg

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