Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e.V.

<p>Jenny Holzer Edition entsteht</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht</p>

Jenny Holzer Edition entsteht

<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012</p>
<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012</p>
<p>Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012</p>

Beim Aufbau der Ausstellung von Dasha Shishkin, Herbst 2012

<p>Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition</p>
<p>Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition</p>
<p>Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition</p>

Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition

<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee</p>
<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee</p>
<p>Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee</p>

Prof. Hanns Schimansky und Studierende bei der Betrachtung von Graphiken an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee

<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee</p>
<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee</p>
<p>Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee</p>

Eine Radierung entsteht, Druckwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee

Valérie Favre

B-REIHE, 321. WAHL, I. QUARTAL 2006
Salto, 2006 Farblithographien, dreifarbig

1. ohne Titel 21,0 x 25,0 cm
2. ohne Titel 41,8 x 25,0 cm
3. ohne Titel 41,8 x 29,7 cm
4. ohne Titel 36,4 x 27,2 cm
5. ohne Titel 34,2 x 25,3 cm
6. ohne Titel 41,8 x 27,8 cm

Papierqualität: Alt Nürnberg Bütten 270 g/qm
Drucker: Tabor-Presse, Berlin

Valérie Favre (V.F.) im Gespräch mit Günther Gercken (G.G.), Februar 2006

G.G.: Ihrer Biographie habe ich entnommen, dass Sie schon als Kind Malunterricht hatten. Später haben Sie sich dann zunächst mit anderen Künsten beschäftigt – mit der Schauspielkunst und mit der Literatur. Wie sind Sie über diesen Umweg wieder zur Bildenden Kunst gekommen?

V.F.: Ich habe sehr früh angefangen zu malen, als junges Mädchen im Alter von acht, neun Jahren. Statt zum Klavierunterricht haben meine Eltern mich zu einer Akademie geschickt. Mein Leben hat sich total verändert, seit ich einen Fuß in diese Akademie gesetzt hatte. Der Unterricht war anspruchsvoll, sehr „oldfashioned“: Ich habe mit Öl gemalt, nach Modellen gezeichnet, den ersten nackten Mann gesehen. Unglaublich! Atmosphärisch hatte das Ganze etwas von „Sonntagsmalerei“, nicht professionell, aber sehr konzentriert. Das hat mich stark beeindruckt. Aber als es später darum ging, mein Leben zu planen, waren meine Eltern nicht damit einverstanden, dass ich Malerei studieren wollte. Ich bin dann in Genf gelandet. In Biel konnte man mit Kunst kein Abitur machen, das wurde nur in Genf angeboten. Ich habe den Kreis der Familie also sehr jung verlassen. In Genf hat sich mir die Tür zur Theaterwelt geöffnet. Ich habe Bühnenbilder gemalt, riesige Prospekte. Zunächst war es für mich jedoch in erster Linie eine Gelegenheit, meinen Lebensunterhalt und meine Schule zu finanzieren.

G.G.: Aber Sie haben auch als Schauspielerin gearbeitet?

V.F.: Ja, das war ein kleiner „Unfall“. Ich habe mit einer Gruppe von Technikern auf der Bühne gearbeitet, während gleichzeitig Proben für die Schauspieler stattfanden. Der Regisseur fragte mich, ich war damals 18 Jahre alt, ob ich nicht auch Schauspielerin wäre. Nein, das kann ich nicht, das habe ich nie gelernt, habe ich geantwortet. Schließlich hat er mich überredet, eine kleine Rolle zu übernehmen. Er war einer der größten Genfer Regisseure, und es war ein Stück für die große Bühne. So wurde ich „entdeckt“: Wer ist diese bizarre, androgyne Person?, fragten die Kritiken am nächsten Tag. Ich habe dann als Schauspielerin weitergearbeitet, weil ich damit besser Geld verdienen konnte. Es war eine pragmatische Entscheidung. Ich bin dann wegen eines Engagements nach Paris gegangen. Dort habe ich viele interessante Leute getroffen und mit ihnen gearbeitet, bis ich schließlich durch eine große Agentur vertreten wurde. Die Agentur wollte, dass ich in Filmen spielte. Ich besaß zwar kleinere Filmerfahrungen mit Jean Luc Godard und anderen interessanten Regisseuren, aber dauerhaft als Filmschauspielerin zu arbeiten war mir dann doch irgendwie zu viel. An der Bühne gefiel mir der familiäre Zusammenhalt unter den Schauspielern, aber eine wirklich große Schauspielerin war ich nicht, das muss ich wirklich sagen. Mein Talent war nicht so überwältigend, dass ich selbst davon begeistert war, eher frustriert. Mich überkam die Sorge, zu stark auf eine bestimmte Identität festgelegt zu werden. Als Filmschauspielerin ist es sehr schwer, noch etwas anderes zu machen. Lieber als Schauspielerin wollte ich Regisseurin sein, ich wollte etwas entwickeln. So wuchs in mir die Entscheidung, diesen Arbeitsbereich aufzugeben und in die Malerei zu gehen. Ich fing an Philosophie und Kunstgeschichte zu studieren. Ich habe ein philosophisches Kolloquium besucht, größtenteils habe ich mir mein Wissen jedoch autodidaktisch angeeignet. Ich habe sehr viel gelesen und mich für tausend Sachen interessiert. In der Malerei konnte ich einen Freiraum finden. Sie war für mich der einzige Ort, an dem ich der Regisseur, der Dichter, der Schriftsteller und der Maler war. In Frankreich war die Malerei zu dieser Zeit jedoch überhaupt kein Thema; sie wurde nicht besprochen und war wie tot. Wieso nur?, habe ich gefragt, es gibt doch so viel zu sagen, zu machen. Und mit dieser komischen, kleinen Position und etwas Glück bin ich dann in die Kunstwelt eingestiegen.

G.G.: Sie sind dann nach Berlin gegangen?

V.F.: Nein, das war später. Achtzehn Jahre nach meinen ersten Bühnenerfahrungen, 1998 bin ich nach Berlin gezogen.

G.G.: Welche Spuren hinterlässt die Theatererfahrung in Ihrer Malerei?

V.F.: Wahrscheinlich sehr viele, mehr als man denkt.

G.G.: Ihre Bilder scheinen mir inszenierte Bilder zu sein, auf denen Ereignisse geschildert werden.

V.F.: Ja, sie sind inszeniert, sie sind komponiert. Sie haben eine Entwicklung und zwar nicht nur das einzelne Bild in sich, sondern die ganze Reihe zusammen und nebeneinander. Ich arbeite in Serien. Die Entwicklung von A bis B, oder B bis F zum Beispiel, ist sehr verbindend. Die Themen, die Wiederholungen, die Dramaturgie, all das ist sehr wichtig in meiner Arbeit. Und all das findet man auch auf der Bühne. Die Bühne ist für mich eine Eingangstür, und die Literatur ist ebenfalls eine große Eingangstür zur Malerei. Beides hat als Sprache für mich miteinander zu tun.

G.G.: Ihre Bilder sind auch narrative Bilder ...

V.F.: Sehr narrativ, absolut einverstanden!

G.G.: ... und trotzdem haben sie eine sinnliche Präsenz. Darin besteht ja die große Schwierigkeit beim Malen: das Narrative mit der bildnerischen Präsenz zu verbinden. Denn das Bild hat ja eine andere Funktion als die Sprache und die Geschichte. Es muss aus der Sprache, aus der Literatur übersetzt werden in ein Bild.

V.F.: Das ist das Entscheidende. Und das ist die Lücke in der Gegenwartskunst, in der für die Malerei noch vieles offen zu sein scheint. Das kann man weiter entwickeln. Mir geht es nicht um einen kunstgeschichtlichen Diskurs, was war und was schon gemacht wurde – und auch viel besser gemacht wurde als ich das heute könnte – aber mit dieser fiktiven Position, mit der Entwicklung von Fiktionen, damit kann ich arbeiten.

G.G.: Sie verbinden Fiktion mit aktueller Lebenserfahrung?

V.F.: Ich entwickle diese Fiktionen mit Archetypen. Ich habe mich eine Zeit lang mit den Schriften von C. G. Jung auseinandergesetzt. Die Archetypen interessieren mich als Symbol, ich benutze sie als „Zubehör“ für die Malerei. Inhaltlich, nicht im Sinne von malen und zeigen, sondern als „leise“ Überlegung, die hinter einem Bild steckt.

G.G.: Sie erfinden Projektionsfiguren, oder wie soll man Ihre „Lapine univers“ nennen?

V.F.: Die „Lapine univers“ ist im Jahr 2000 aus den „Petites filles“ entstanden, einer Serie mit komischen Frauenfiguren, die ganz jung und ganz alt zugleich aussehen, insgesamt sehr bizarr. Diese Serie habe ich nicht weitergemalt, sie besteht nur aus zehn oder fünfzehn Bildern. Aber in diesen fünfzehn Bildern tauchte irgendwann diese Figur auf, weiblich und mit langen Ohren. Ich habe natürlich sofort an einen Archetyp gedacht: Playboy! Die Frau als sexuelles Opfer und und und… Darüber hinaus gab es jedoch auch noch etwas anderes, das ich weiterentwickeln konnte und zwar in eine „böse“ Richtung. Dabei geht es sozusagen nicht mehr um die hübsche Frau, die das Objekt sexueller Phantasien ist, sondern um etwas Tierhaftes. Die „Lapine univers“ ist sehr malerisch, sehr dicht. Ein bisschen wie Lara Croft, nur in kaputt. Die „Lapine“ hat einen Hüftschaden, sie kann nicht so gut laufen, aber sie hat Stil. Ich male sie immer in einer Bewegung, ich sehe sie als bewegte Figur. Sie ist keine weibliche, souveräne Person oder ein Tier, sie hat von beiden etwas, aber auch noch etwas ganz anderes.

G.G.: Sie haben ja auch Wesen gemalt, die halb Mensch und halb Tier sind.

V.F.: Ja, Hybride oder Schimären. Zentauren gibt es auch.

G.G.: Welche Bedeutung haben diese Schimären für Sie?

V.F.: Mehrere. Ich kann Ihnen jetzt eine Antwort geben, aber in den nächsten zwei Stunden würde ich Ihnen vielleicht eine andere Antwort geben wollen.

G.G.: Also muss man es vor dem Bild selbst erfahren? V.F.: Wenn ich male, treffe ich eine sehr klare Entscheidung: Das ist ein Baum, das ist eine Figur, das ist ein Tier. Wenn ich mich für ein „Zwischen“ entscheide, für ein zwischen Mensch und Tier, möchte ich damit etwas sagen – auch wenn man mit der Malerei nichts sagt, es ist ja genau das Gegenteil, aber man präsentiert etwas, man schlägt etwas vor.

G.G.: Wie war für Sie die Erfahrung der Übertragung Ihrer Malerei in Lithographie?

V.F.: Sehr interessant. Man hat eine große Distanz zu dem Bild, wegen des Steines, aber auch durch die Arbeit in der Druckerei. Zuerst habe ich das Gefühl gehabt, man habe mir etwas gestohlen. Ich arbeite sonst komplett gegenteilig: Meine Gemälde sind mit so vielen Dingen angefüllt, sie sind ganze Romane. Die Lithographie verlangt Reduktion und ist auf Reproduktion ausgerichtet. Das ist ein ganz anderer Prozess. Um mit dem Medium zu arbeiten, musste ich meine „Waffen“ drehen. Diese Entwicklung zu erleben und nachzuvollziehen war phantastisch, das hat mir sehr gefallen.
Meine erste Entscheidung in diesem Arbeitsprozess war inhaltlicher Natur: Ich beschloss, etwas mit der „Lapine univers“ zu machen. Sie ist eine geeignete Figur, um meine Arbeit kennenzulernen und sie ist in Deutschland noch nicht bekannt. Dann habe ich überlegt, eine kleine Geschichte zu erzählen. Ich wollte nicht sechs unterschiedliche Motive entwickeln, ein blaues, ein grünes, ein rosanes, sondern einen Ort schaffen. Dieser Ort erscheint in sechs Bruchstücken, aber man erkennt ihn. Auch mit dem Format habe ich sehr bewusst gearbeitet. Die Vorstellung, fünf oder sechs Arbeiten in derselben Größe zu machen, gefiel mir von Anfang an nicht. Ich wollte eine stärkere Konzentration erzeugen. Das alles waren konzeptuelle Überlegungen, die der Serie vorausgingen. Noch hatte ich nicht einen Strich gemalt!

G.G.: In der Serie erzählen Sie eine Geschichte?

V.F.: Ja, nachdem ich entschieden hatte, mit der „Lapine univers“ zu arbeiten, habe ich überlegt: Was könnte in diesem Zusammenhang eine interessante Geschichte sein? Plötzlich kam mir die Idee eines Saltos oder Sprunges. In meinen Bildern geht es immer um Bewegung, meine Figuren beziehen eine Position, sie zeigen Haltung und stehen nicht nur einfach „kalt“ da. Mit dieser Idee habe ich gespielt und verschiedene Dinge ausprobiert. Die Farbe war für mich auch sehr entscheidend. Die Aufgabe war ja, nur drei Farben zu benutzen. Das heißt, dass das Weiß des Papiers sehr wichtig ist, man muss damit arbeiten, dann sind es insgesamt vier Farben, die zur Verfügung stehen. Auch mit verschiedenen Pinseln habe ich experimentiert. Zum Schluss habe ich mich für eine reduzierte Form entschieden, die trotzdem einen sehr lebendigen Eindruck macht, das hoffe ich zumindest.

G.G.: Mich erinnert die Serie an eine Bühnenvorstellung. Es ist, als wenn sich die Bewegung des Saltos im Varieté abspielt.

V.F.: Ja, vielleicht. Es könnte auch ein Stall sein. Für mich war es nicht so wichtig, einen bestimmten Ort erkennbar zu machen.

G.G.: Man kann ihn assoziieren.

V.F.: Man kann. Ich hoffe, dass man als Zuschauer Platz genug hat, in das Bild, in die Serie hineinzugehen. Ich möchte Raum lassen für die Phantasie des Betrachters. Das Spannende beim künstlerischen Arbeiten besteht darin, diese Lücken zu bauen. Das muss sehr gut inszeniert und vorbereitet sein – wie bei einem guten Regisseur.

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Valérie Favre

1959 geboren in Évilard, Schweiz

 

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