Künstler

Thomas Huber

E 466 Rette sich, wer kann, 2010
Aquatinta, siebenfarbig von vier Platten
65,0 x 89,0 cm / 82,0 x 1,07 cm
Papierqualität: 340 g/qm Zerkall-Bütten
Drucker: Kunst- und Radierwerkstatt W. Jesse, Inh. M. Jäger, Berlin

Was vermag ein Bild? Kann es die Welt retten? Oder rettet der Maler sich – in den Stürmen des Lebens – damit nur selber? Wie man erkennt, beschränkt der Maler sich bei diesem improvisierten Rettungsversuch auf seine Mittel, den Tisch, die Staffelei, die Leinwand. Die entscheidende Frage, was er auf seinem Bild zeigt, wird jedoch nicht beantwortet. Auf der verrußten Wand bleibt das Bild eine Leerstelle. Auf der Staffelei wendet sich das Bild vom Betrachter ab und verbirgt, was auf dessen Vorderseite zu sehen ist. Jenes Bild, das uns Rettung sein könnte, ist hier noch ungesehen.
Thomas Huber

Die großformatige Aquatinta „Rette sich, wer kann“ versammelt Motive aus dem Repertoire des in Berlin lebenden Künstlers, die er in seinen Bildern früh und wiederholt eingesetzt hat. So zeigten bereits Thomas Hubers Lithographie-Serien für die griffelkunst aus den Jahren 1992 und 2006 jene hohen und lichten Räume, die durch Aussparungen im Druck beleuchtet werden. Auch in dem Einzelblatt erhält die Szene Licht durch eine torartige Öffnung. Gezeigt werden Utensilien eines Malers, ein Tisch, die Staffelei, die Leinwand, die den Raum als Atelier ausweisen. Zwei Elemente sind zu sehen: Feuer und Wasser. Das Feuer errät man nur an seinen Spuren der Verwüstung. Ein Brand hat scheinbar stattgefunden, der Rußspuren auf den Wänden hinterlassen hat – bis auf einen ausgesparten Bereich, dort, wo offensichtlich jene Leinwand auf der Wand gehangen hatte, die jetzt, vor dem Feuer gerettet, auf der Staffelei steht. Das Wasser wurde eingesetzt, um den Brand zu löschen. Die Wassereimer stehen noch herum, das ausgegossene Wasser in weit ausgebreiteten Pfützen reflektiert Teile der Szene und verwandelt den Atelierboden in eine Wasserfläche. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man auf Hubers Graphik ein Schiff: die vom Feuer gerettete Leinwand ist das Segel, der umgekehrte Tisch der Bootskörper. Auf der Wasserfläche am Atelierboden segelt das improvisierte Schiff, als wäre es auf hoher See. Immer dem hell erleuchteten Tor als vielversprechendem Ausgang aus dem Bild entgegen.
Wie bei seinen Gemälden hat Thomas Huber das Motiv zunächst als skizzenhafte Vorlage im Originalformat entwickelt, die dann als Gerüst auf die Platte übertragen wurde. Die sieben Farben des Blattes wurden von vier Platten gedruckt, wobei Thomas Huber jede einzelne Platte von Hand überarbeitet und zeichnerische Akzente hinzugefügt hat.

A-REIHE, 322. WAHL, II. QUARTAL 2006
Rauten traurig, 2006
Farblithographien

1. ohne Titel, dreifarbig 51,0 x 60,2 cm / 36,0 x 46,0 cm
2. ohne Titel, vierfarbig 51,0 x 60,2 cm / 36,0 x 46,0 cm
3. ohne Titel, vierfarbig 51,0 x 60,2 cm / 27,0 x 46,0 cm
4. ohne Titel, dreifarbig 51,0 x 60,2 cm / 36,5 x 46,0 cm
5. ohne Titel, dreifarbig 51,0 x 60,2 cm / 36,0 x 46,0 cm
6. ohne Titel, dreifarbig 60,2 x 51,0 cm / 45,0 x 37,0 cm

Papierqualität: Zerkall Bütten 250 g/qm
Drucker: Felix Bauer, Köln

Kann ich das Bild sehen? Nein, auf keinen Fall können Sie das Bild sehen. Warum kann ich das Bild nicht sehen? Also verstehen Sie, das kann ich Ihnen nicht sagen. Warum haben Sie dann das Bild gemalt, wenn ich es nicht sehen darf? Na, hören Sie mal, über irgend etwas müssen wir doch reden können.
Thomas Huber

Thomas Huber, der sagt, dass er Reproduktionen seiner Bilder lieber als die Originale mag, ist ein ausgesprochener Kritiker der Malerei. Um ihre Begrenzungen sichtbar zu machen und sie zu überschreiten, ergänzt er seine malerische Tätigkeit durch das Schreiben von Essays, Reden und Aphorismen. Huber kommentiert seinen Gebrauch der Sprache in einem Interview mit Alexander Braun: „Durch die Sprache habe ich eine zusätzliche Gestaltungsmöglichkeit, die der klassische Maler nicht hatte. Ich mache Behauptungen, die dazu führen, dass sich die Möglichkeit eröffnet, in das Bild hineinzugehen. Das Bild wird nicht länger nur von außen besichtigt, sondern es wird zu einem Raum, den man imaginär betreten kann. Man kann sich in ihm aufhalten und sich in ihm umsehen.“ Der Betrachter soll sich in das Bild „einbringen“, wobei der Künstler durch seine Texte Hilfestellung leistet, denn er gibt mit seinen Reden eine Verweildauer und eine Richtung vor. Während Huber hier den Begriff „Raum“ metaphorisch gebraucht, beschäftigt er sich auch in seinen Arbeiten mit Räumen. Er betätigt sich als Planer und Konstrukteur von idealen Ausstellungsräumen, die die Trennung von Atelier-, Museums- und Lebensraum überwinden. Auch den Bildraum unterzieht er einer Revision und entwirft ihn neu. Er bezeichnet sich selbst als den „Hausmeister des Bildraums“, der den Raum immer schön sauber und gut durchlüftet hält, damit er nicht mit Bedeutung vollgestellt wird.
„Gut durchlüftet“ sind auch die Räume in der aktuellen Serie für die griffelkunst. Im Gegensatz zu der Serie von Farblithographien, die Thomas Huber 1992 für die griffelkunst realisiert hat, ist der Bildraum nun leer. Die Wände, Böden und Decken sind von Mustern überzogen und durch Fenster, Türen und Oberlichter strukturiert. Waren in der ersten Serie noch „Besucher“ in den Bildern anzutreffen, so öffnet sich vor dem Betrachter nun der Raum als geometrische Figur, als Spiel mit Perspektive und Wahrnehmung. Die als weiße Flächen ausgesparten Durchbrüche nehmen sich einerseits wie Platzhalter für Bilder aus, die es im Raum zu verteilen gilt. Andererseits kann man sie auch als Leerstellen, als Fenster zu einer Bedeutung des Bildes lesen, die hinter dem eigentlichen Bildraum zu liegen scheint. Trotz der Tiefe, die er damit auf seinen Bildern erzeugt, verweist Huber gleichzeitig auch auf die Flächigkeit des Bildes, das sich dem Betrachter anbietet und ihm doch jede Antwort schuldig bleibt.

1955 in Zürich geboren
1977-78 Kunstgewerbeschule Basel
1979 Royal College of Art London
1980-83 Staatliche Kunstakademie Düsseldorf, Klasse Fritz Schwegler
1992-99 Professur an der Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig
1993 Kunstpreis der Stadt Zürich
1995 Niedersächsischer Kunstpreis
1999 Art Multiple Preis, Düsseldorf
2004 Preis der Heitland Foundation
lebt und arbeitet in Berlin

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