Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e.V.

<p>Aufbau Installation Thorsten Brinkmann “Ernie & Se King”, Kunstraum Seilerstraße 2011</p>
<p>Aufbau Installation Thorsten Brinkmann “Ernie & Se King”, Kunstraum Seilerstraße 2011</p>
<p>Aufbau Installation Thorsten Brinkmann “Ernie & Se King”, Kunstraum Seilerstraße 2011</p>

Aufbau Installation Thorsten Brinkmann “Ernie & Se King”, Kunstraum Seilerstraße 2011

<p>Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition</p>
<p>Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition</p>
<p>Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition</p>

Yvette Kießling bei der Arbeit an der Griffelkunst-Edition

<p>Jonathan Meese signiert in der Seilerstraße, Hamburg</p>
<p>Jonathan Meese signiert in der Seilerstraße, Hamburg</p>
<p>Jonathan Meese signiert in der Seilerstraße, Hamburg</p>

Jonathan Meese signiert in der Seilerstraße, Hamburg

<p>Drucker Detlef Jäger beim Auftragen der Farbe auf eine Radierplatte</p>
<p>Drucker Detlef Jäger beim Auftragen der Farbe auf eine Radierplatte</p>
<p>Drucker Detlef Jäger beim Auftragen der Farbe auf eine Radierplatte</p>

Drucker Detlef Jäger beim Auftragen der Farbe auf eine Radierplatte

<p>Jenny Holzer Edition entsteht</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht</p>
<p>Jenny Holzer Edition entsteht</p>

Jenny Holzer Edition entsteht

Thorsten Brinkmann

Audioguide

Einzelblatt

Inkjet-Print

E 540
El L’ Erzoruss
70,0 × 54,0 cm

Papierqualität: 310 g/qm Hahnemühle Photo Rag Satin
Hersteller: Foto-Company Altona

Thorsten Brinkmann jongliert Griffelkunst-Klassiker

von Dirk Dobke

Mit ERNIE – Portraits of a Studiodog stellten wir Ihnen 2011 den Künstler Thorsten Brinkmann vor. Der Hamburger arbeitet skulptural, photographisch und installativ, immer auf der Grundlage gefundener Alltagsgegenstände und Möbel, kurz dessen, was man landläufig unter Sperrmüll versteht. In seinen Bildern kostümiert sich Brinkmann mit diesen ausgedienten Materialien in fast altmeisterlich erscheinender Manier. Andere Fundstücke arrangiert er zu photographierten Stillleben oder zu überraschenden Skulpturen und kombiniert sie wiederum zu raumgreifenden Installationen.
Begleitet wurde die bis heute legendäre Ernie-Serie von 2011 von einer Ausstellung im Kunstraum der griffelkunst mit Filmprojektion. Brinkmann hatte für seinen Film Se King einen eigenen Saal eingerichtet, der zugleich Kino und Gesamtinstallation war. Die Serie und den Film zeigte Brinkmann auch im Frühjahr in der Städtischen Galerie Delmenhorst. Deren Leiterin, Annett Reckert, hatte ihn eingeladen, eine Ausstellung von historischen und aktuellen Griffelkunst-Photos zu kuratieren und sie durch eigene Arbeiten zu ergänzen. So kombinierte er rund 180 Griffelkunst-Photoarbeiten und eigene Werke zu einer großen Brinkmann Gesamtinstallation mit dem Titel The Juggler (Der Jongleur).

1971 hatte die griffelkunst damit begonnen, neben Druckgraphik auch zeitgenössische Photographien zu verlegen. Es folgten Editionen von Bernd und Hilla Becher, Nan Goldin, Dan Graham oder Anna und Bernhard Blume, später von Floris Neusüss, Peter Piller oder Tobias Zielony. Mit dem Wiedererstarken der Photographie im Kunstkontext der 1970er-Jahre startete die griffelkunst auch mit der Edition wichtiger Avantgarde-Photographien der 1920er-Jahre. Seitdem erschienen in unseren Wahlen in loser Folge bis heute rund 40 Größen der Photo-Avantgarde.

Thorsten Brinkmann hat aus rund 300 historischen und 150 modernen Griffelkunst-Photographien eine persönliche Auswahl getroffen und zu einer Ausstellung für die Städtischen Galerie Delmenhorst formiert.
Im Umgang damit kam ihm der Gedanke, sich auch direkt an einige Werke von zum Beispiel El Lissitzky, Germaine Krull oder Heinrich Zille zu wagen und deren Photos seinerseits künstlerisch zu überarbeiten. Daraus entstand eine Reihe von Brinkmann-Collagen, von denen wir in der aktuellen Wahl El L’ Erzoruss präsentieren. Das Bild zeigt ein überarbeitetes Porträt von Kurt Schwitters, das El Lissitzky 1924 von ihm aufnahm. Brinkmann applizierte dem Porträt einen antiken puscheligen Parfüm-Zerstäuber, dann photographierte er die so entstandene Montage, die damit zu einem neuen Kunstwerk wird. So erfährt der Dada-Vater Schwitters rund 100 Jahre später eine pointierte Verfremdung seines Konterfeis durch einen zeitgenössischen Künstler und wird selbst zu einem Kunstwerk des 21. Jahrhunderts.

B-Reihe, 342. Wahl, II. Quartal 2011
ERNIE, Portraits of a Studiodog, 2011 C-Prints

1. Ern del Bär 39,3 x 32,0 cm / 29,3 x 22,0 cm
2. Minimal Dog 32,0 x 39,3 cm / 22,0 x 29,3 cm
3. Der klassische Fourleg 39,3 x 32,0 cm / 29,3 x 22,0 cm
4. La belle dü Topf 32,0 x 39,3 cm / 22,0 x 29,3 cm
5. Das seltene Zebrund 39,3 x 32,0 cm / 29,3 x 22,0 cm
6. Mara van Rüdipuss 32,0 x 39,3 cm / 22,0 x 29,3 cm

Serie mit Mappe
Papierqualität: Ultra Endura von Kodak
Hersteller: Foto Company Altona, Hamburg
Mappe: individuell mit Tapete bezogener Karton mit Leinenrücken und säurefreien Innenklappen mit Schriftprägung
Hersteller Mappe: Christian Zwang, Hamburg

Thorsten Brinkmann nennt sich einen „Serialsammler“ und gab sich selbstironisch die Emailadresse: messysystems@... In der Arbeit des in Hamburg lebenden Künstlers verschmelzen Photographie, Film, Skulptur und Installation. Dazu sammelt er seit Jahren allen erdenklichen häuslichen Sperrmüll und durchstöbert die Flohmärkte nach verwertbarem Material. Getreu des englischen Bonmots »One man’s trash is another man‘s treasure« nimmt er eine künstlerische Neubewertung des Gefundenen vor, weil das Ding selbst ihn ob seiner schrägen, ästhetischen Qualitäten fasziniert oder weil er es als Accessoire für seine Skulpturen oder photographischen Selbstdarstellungen verwendet. Im Zentrum seines Schaffens steht das künstlerisch inszenierte Selbstporträt. Mit intelligentem Witz zeigt er sich mittels der gefundenen Abfälle in karikaturhaft ironisierender und dennoch vermeintlich würdevoller Selbstdarstellung: So werden Mülleimer oder Schirmständer zum Helm, ein Besen zur Lanze und ein Sofakissen zum Kopf. Dabei gelingt ihm auf einmalige Art und Weise eine Gradwanderung zwischen humorvoller, verkleideter Selbstdarstellung und „wirklichen“ Porträts.

Brinkmann spielt mit unserem aktiven und unserem passiven Bildwissen, dem musée imaginaire im Kopf, in dem wir die Bildwirkung altmeisterlicher, wie z.B. früher niederländischer Porträts, abgespeichert haben. Er zitiert diese Bildsprache formal und atmosphärisch, ironisiert sie zugleich und stellt sie so in ihrer repräsentativen Oberflächlichkeit bloß. Durch die müllhafte Mimesis entlarvt er die großen Posen als leere Konventionen. Zugleich gesteht er dem Dargestellten, so vage dieser bei genauem Hinsehen auch nur zu benennen ist, eine eigene, wirkliche Würde und einen individuellen Charakter zu. Er fälscht mit zumeist wertlosem Material spielerisch die Herrscherikonographie und verleiht seinen Porträts dennoch eine „echte“ Aura.
Für unsere Edition begab sich Thorsten Brinkmann auf ein auch für ihn neues, ungewöhnliches Terrain. Er porträtierte seinen Hund Ernie, der auch auf einen kurzen Gastauftritt in seinem Film „Se King“ zurückblicken darf, in den verschiedensten Zuständen: Ernie mit Schmuck behängt, verkleidet als Zebra, Löwe oder mit Halskrause anmutig posierend wie eine ägyptische Grabbeigabe. Was zunächst mehr wie eine spontane Laune wirkt, offenbart bei genauerer Betrachtung eine durchkomponierte und detailreiche Inszenierung. Brinkmann photographiert seinen Hund vor verschiedenen arrangierten Hintergründen wie auf einer Bühne. Dabei entsteht beim Betrachter ein ähnlicher Eindruck wie bei seinen Porträts. Verkleidung, Hintergrund und erzählerische Attribute verleihen dem Hund einen jeweils anderen, schauspielerischen Ausdruck, angesiedelt zwischen Melancholie und Humor. Trotz der Maskerade repräsentiert Ernie auch die dargestellten Tiere mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und Würde. Brinkmann führt uns seine Tierporträts in einer ironischen Brechung vor, ohne dass wir deren konkreten Vorbilder abrufen könnten. Er spielt mit unseren Sehgewohnheiten, Vorstellungen und Erwartungen an die Darstellung exotischer Tiere in der Kunst und der Hund erfüllt stoisch sein Rollenspiel. Uns bleibt nur, aus den anspielungsreichen Szenen unsere eigene Deutung herauszulesen und Ernie das Kompliment auszusprechen, dass er seine Rollen mit wirklicher Überzeugung meistert.

Wir freuen uns außerdem, dass sich Thorsten Brinkmann bereit erklärt hat, eine Ausstellungsinstallation mit seinen Photos für uns in der Seilerstraße auszurichten. Dort zeigt er neben den für ihn typischen Porträts auch einen Film mit dem etwas schrägen phonetischen Titel „Se King“. Dieser ist mit unbewegter, statischer Kamera aufgenommen, die eine rätselhafte Bildszenerie festhält: Der Künstler agiert bekleidet mit einem rotem Umhang, er trägt einen Blecheimer als Kopf und hält eine Gardinenstange als Lanze in der Hand. Mit diesen Attributen ausgestattet durchspielt er ein bizarres Programm denkbarer Herrscherposen, indem er seine Position immer wieder verändert, um dann sekundenlang auszuharren, als warte er darauf, photographiert oder zumindest von uns bewundert zu werden.
Dirk Dobke

342 B1
342 B2
342 B3
342 B4
342 B5
342 B6
Mappe

Thorsten Brinkmann

Thorsten Brinkmann, 1971 in Herne
geboren, lebt und arbeitet in Hamburg

1994–1997 Studium der Visuellen Kommunikation, Kunsthochschule Kassel, Prof. F. Neusüss
1997–2004 Hochschule für bildende Künste Hamburg

Einzelausstellungen
2018 The Juggler, Städtische Galerie Delmenhorst, Delmenhorst (K)
2017 Life is funny, my deer, Kunsthaus Stade, Stade (K)
PARADIECLIPSE, Galerie Mathias Güntner, Hamburg
2016 The Great Cape Rinderhorn, BePart, Plattform for contemporary art, Waregem, Belgien (K)
2015 Silence out loud, Museum Kranenburgh, Bergen

Ausstellungsbeteiligungen
2017 Künstlerbücher. Die Sammlung, Hamburger Kunsthalle, Hamburg (K)
Das Gesicht. Eine Spurensuche, Deutsches Hygiene-Museum Dresden
2016 In Between, Galerie Feldbuschwiesner in Koop. mit Galerie Jette Rudolph, Berlin

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